Die Rheinreisen von Theodor Fontane und Theodor Storm 1865
Im August/ September 1865: Zwei Dichter-Freunde bereisen den Rhein, ohne einander zu begegnen. Theodor Storm fährt von Mainz nach Cöln und Theodor Fontane von Cöln nach Mainz.

Storm reiste vom 14. Bis 15. September mit dem Dampfschiff von Mainz bis Cöln, übernachtete dort, besichtigte am nächsten Tag dem Dom und den Zoo und fuhr am Nachmittag mit dem Zug weiter nach Duisburg.
Die Rheinreise war nur eine kurze Etappe auf einer der längsten Fahrten, die Storm je unternommen hatte.
Im September 1865 war der Husumer Landvogt auf Einladung des russischen Dichters Iwan Turgenjew (1818–1883) über Altona, Minden und Frankfurt am Main nach Baden-Baden gefahren, wo er in dessen Hause wohnte und mit seinem alten Berliner Freund Ludwig Pietsch zusammentraf. Die weltbürgerliche Atmosphäre des mondänen Badeortes gab die rechte Kulisse ab, den Witwer von trüben Gedanken abzulenken. Seine Frau Constanze war nämlich am 20. Mai 1865 nach der Geburt ihres siebten Kindes gestorben. Gespräche mit Freunden, Spaziergänge und glänzende gesellschaftliche Ereignisse vermittelten Storm den erforderlichen Abstand zum eigenen Erleben und brachten neuen Lebensmut.
Von Baden-Baden aus reiste er über Frankfurt am Main und Köln nach Duisburg, wo er seinen Jugendfreund Peter Ohlhues besuchte, der dort als Pastor wirkte. Anschließend ging es weiter nach Arnsberg zu Alexander von Wussow, wo dieser als Verwaltungsbeamter arbeitete, und schließlich nach Berlin, wo er sich einige Tage bei Ludwig Pietsch aufhielt. Storm suchte die Gespräche mit dem Freund, um sich selbst wiederzufinden und Perspektiven für seine Zukunft zu gewinnen.
Die gesamte Reise ist in Briefen Storms ausführlich dokumentiert; von diesem Teil hat er nur wenige Erlebnisse in einem Brief an die Familie berichtet.
Am anderen Morgen ‒ es war mein Geburtstag ‒ schwamm ich bei schönstem Sonnenscheine den Rhein von Mainz nach Cöln hinab. Ich habe an diesem Tage viel und schmerzlich heim gedacht. Unterwegs machte ich die Bekanntschaft eines jungen, kaufmännischen Ehepaars aus Dortmund, das auf seiner Hochzeitsreise war. Es waren liebenswürdige Leute, beide aus offenbar sehr wohlhabenden Familien. In Cöln logierten wir im Hotel du Nord, dicht am Dome, brillant aber teuer. Am anderen Morgen, nachdem ich schon früh im Dome gewesen war, mir natürlich auch Eau de Cologne und möglichst viele Trauben gekauft hatte, fuhren wir zusammen nach dem zoologischen Garten. Dieser ist außerordentlich schön angelegt und reich an Tieren, so daß er mit dem Hamburger wetteifert.
Th. Storm an die Familie, Arnsberg, 18. Sept. 1865, zitiert nach Gertrud Storm: Theodor Storm. Ein Bild seines Lebens. Bd. 2: Mannesalter. Berlin 1913, S. 122.


Was Storm nicht wusste: Wenige Tage zuvor hatte sein Berliner Freund Theodor Fontane den gleichen Weg in umgekehrter Reihenfolge zurückgelegt. Auf seiner Rheinreise machte Fontane mehrere Tage Station in Köln, fuhr dann mit dem Zug nach Koblenz, wo er den Dampfer bestieg und nach einem Stopp in schließlich bis Mainz weiterfuhr. Von Mains bis Karlsruhe besuchte er dann die romanischen Dome, um danach Richtung Basel weiterzufahren.
Ausgerüstet mit dem entsprechenden Band des Baedeker und einem Spezialführer (Ph. M. Klein: Der Wanderer durch Köln. Eine geschichtliche Beschreibung der Stadt und sämtlicher Merkwürdigkeiten, 1863) sowie einigen leeren Notizbüchern, bricht er in den letzten Augusttagen 1865 auf und beginnt laut Tagebuch am 28. August mit seinem Besuchsprogramm in Köln. Bereits am 31. August reist er über Koblenz und Bingen nach Mainz und besucht an den folgenden Tagen auch Worms und Speyer. Dann gehl die Fahrt (vermutlich am 4. September) weiter nach Karlsruhe, wo er den Zug nach Basel verpasst und offenbar übernachten muss.
Theodor Fontane: Die Reisetagebücher. Herausgegeben von Gotthard Erler und Christine Hehle. Berlin 2012, S. 456.

Von dieser Reise ist ein Tagebuch erhalten, in dem Fontane teilweise ausführliche Notizen über die bedeutenden Bauwerke notiert hat, die er auf seiner Reise besuchte. Außerdem hat er die Rheinlandschaft ausführlich beschrieben. Theodor Fontane: Notizbücher. Digitale genetisch-kritische und kommentierte Edition. Hrsg. von Gabriele Radecke. Theodor Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen und an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.
Den von Fontane benutzten Baedeker-Reiseführer Deutschland nebst Theilen der angrenzenden Länder: bis Strassburg, Luxemburg, Kopenhagen, Krakau, Lemberg, Ofen-Pesth, Pola, Fiume: Handbuch für Reisende von Karl Baedeker. 1. Theil. Oesterreich, Süd- und West-Deutschland. Coblenz 1864. führte auch Storm auf seiner Reise mit.

Über die Rheinstrecke von Cöln nach Mainz konnten die Reisenden ein gerade neu erschienenes Leporello benutzen: F<riedrich> W<ilhelm> Delkeskamp's kleines Rhein-Panorama von Mainz bis Cöln: mit erklärendem Text = Panorama du Rhin depuis Mayence jusqu'à Cologne. Frankfurt a.M. 1865.
Die Kölnische und Düsseldorfer Gesellschaft, welche seit 1853 für gemeinschaftliche Rechnung den Rhein befahren, und die Niederländische Gesellschaft vermitteln den Verkehr zwischen Mannheim, Mainz, Köln und Rotterdam in regelmäßigem Dienst, Alle bedeutendere» Zwischenorte haben Landungs- oder Kahnstationen und werdcn die Abfahrzeiten der Dampfboote bei normalem Wasserstand ziemlich pünktlich eingehalten. Die Schiffe der Niederländischen Gesellschaft, welche zwischen Mannheim resp. Mainz und Köln hauptsächlich Gütertransport haben, sind hierdurch oft zu längerem Aufenthalt an den einzelnen Stationen gezwungen, und deshalb in ihren Fahrzeiten oft verspätet und den Reisenden zur Benutzung nicht zu empfehlen. Wer dagegen den Rhein zum ersten Male bereist und denselben nicht nur im Fluge sehen will, wird gut daran thun, eines der zahlreiche» Schiffe der vereinigten Köln-Düsseldorfer Gesellschaft zu benutzen, da die Fabrt auf denselben gegen die auf der Eisenbahn unendlich große Vorzüge hat und größere Annehmlichkeit und Genuß gewähren. Aeußerst billige Fahrpreise mit noch bedeutender Ermäßigung für die Rückfahrt und eine meist gute Verpflegung auf den Schiffen sind auch hier den Reisenden günstig.


Die Rheinische Eisenbahn -Gesellschaft, welche im Anschluß an die Hessische Ludwigsbahn auf dem linken Rheinufer zwischen Bingen und Köln fährt, geht nur zwischen Bingen und Koblenz bleibend in unmittelbarer Nähe des Stromes und hält selbst bei Eilzügen an allen Hauptorten dieser Strecke. (S. 19f.)

Kölnisch Wasser bei J. M. Farina, gegenüber dem Jülichsplatz; bei J. A. Farina (Stadt Mailand), Hochstr. 120; bei Zanoli, Hochstr. u. A. Das Kistchen von 6 Flaschen kostet 2 Thlr. 10 Sgr.
Theodor Fontane hat seine Rheinreise von 1865 entgegen seinen ursprünglichen Plänen nicht zu einem eigenständigen literarischen Reisewerk ausgearbeitet. Obwohl er während der Reise im Sommer 1865 umfangreiche Notizen und Skizzen anfertigte, blieb der direkte literarische Ertrag begrenzt. Die Aufzeichnungen blieben lange Zeit unveröffentlicht und sind heute primär als Teil seiner Tagebücher (z. B. in der Großen Brandenburger Ausgabe) sowie in wissenschaftlichen Editionen wie den Fontane Blättern zugänglich. Einzelszenen oder Entwürfe, wie etwa der Beitrag „Der Dom und St. Maria zur Kupfergasse“, wurden erst viel später durch Forscher wie Hermann Fricke oder Sonja Wüsten erschlossen und publiziert. Im Gegensatz zu seinen Reisen durch England, Schottland oder die Mark Brandenburg entstand kein zusammenhängender Reisebericht im Stil seiner berühmten Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
Aus Fontanes Notizbuch erfahren wir einiges, was auch Storm gesehen und erlebt hat.
Fontane hielt sich vom 28. bis 30. August 1865 in Köln auf und besuchte mehrmals den Dom.
Der Dom, das grossartigste Werk deutsch-gothischer Baukunst, 1248 begonnen, ist fünfschiffig. Die prächtige Süd- und Nordseite des Neubaues ist unter Zwirner’s Leitung fast vollendet. Yon den beiden Thürmen, welche 476 Fuß h. werden sollen, ist der südl. 189 Fuß h. Das Chor, 140 Fuß hoch, mit einem Kranz von 7 Capellen, ist in neuerer Zeit mit Wandmalereien (Engelchöre darstellend) und Stickereien auf Seide ausgeschmückt. In der Capelle hinter dem Hochaltar ist der mit Edelsteinen reich verzierte Reliquienkasten der h. drei Könige, deren Gebeine Kaiser Friedrich I. nach der Einnahme von Mailand dem ihn begleitenden Erzbischof von Köln im J. 1162 schenkte. In den andern Capellen sind die Denkmäler vieler Erzbischöfe, namentlich des Conrad v. Hochsteden († 1261), des Gründers des Doms, und des Erzbischofs Friedrich († 1414) bei der 1. südlichen Capelle. In der Marien-Capelle ein neuer goth. Altar mit einem grossen neuen (1855) Bild von Overbeck, Mariae Himmelfahrt. Rechts neben der Capelle der h. drei Könige ist in einer Capelle das berühmte Dombild, 1410 (oder 1450?) wahrscheinlich von Meister Stephan Lochner gemalt, die h. drei Könige das Christuskind auf dem Schoosse der Mutter anbetend, auf den Seitenflügeln die h. Ursula und der h. Gereon u. Begleiter. – Ausgezeichnet sind die 5 Glasgemälde im südl. Schiff, von König Ludwig von Bayern 1848 geschenkt, jene berühmten altern von 1508 im nördl. Schiff weit übertreffend. Ein sechstes haben 1856 Freunde und Verehrer von Jos. Görres († 1848) gestiftet. – Schiff und Querschiff sind den ganzen Tag für Jedermann offen, Chorumgang von 6-und 3-372 Uhr, mit der Beschränkung, dass während des Gottesdienstes das Umhergehen untersagt ist, also an Wochentagen von 7-8, 9-10, und 3 bis 7 Uhr. Die Zeit Morgens von 8-9 U. ist daher zur kostenfreien Beschauung des Chors und der Chorcapellen am meisten geeignet. Sonst kostet (für 1 bis 5 Pers.) das Oeffnen des Chors, der Chorcapellen und des Dombildes 15 Sgr.; Schatzkammer, Reliquienschrein und Dombild 1 Thlr. 15 Sgr.; Begleitung um den äussern Dom und auf den Domthurm 15 Sgr.
Diese Wanderung oben um den äussern Chor-Umgang ist höchst lohnend, schon wegen der Aussicht über das Häusermeer Kölns, auf Ebene und Fluss und die fernen Gebirge.
Baedeker-Reiseführer Deutschland, S. 446f.

Fontane notierte:
Der Dom ist ein kosmopolitisches Hauptwerk; die ganze Welt hat dran gebaut, die ganze Welt besucht es ... Es ist alles, nur keine katholische Kirche. Es ist ein Museum und profanes Getreibe.
Man tritt durch das Südportal ein; auf den Bänken sitzen einige Beter, aber sie beten nicht. An den Pfeilern sind Kästen angebracht: Eh Du noch Zeit hast, tritt ein friedlicher salbungsvoller Herr an dich heran und hält Dir mit einen gelben Messingteller entgegen. Aus seiner Anrede versteht man nur die Worte: „unser Dom“. Auf dem Brette liegen aufgezählt fast lauter Thalerstücke, so daß ein gewisser moralischer Muth dazu gehört, sein Viergroschenstück dazwischen zu schieben. Ich wagte eine gedämpfte Anfrage von Besichtigung. Auf die Frage von Besichtigung wird man an den Domschweizer gewiesen. Im Weiterschreiten bis an den Transept (das Querschiff). Hier ist uns schon von fern eine cardinalhafte Gestalt aufgefallen, in langem Scharlachgewand und hohem Samtbarett, wie es die protestantischen Geistlichen tragen, dazu einen Stab in der Hand, der zwischen Portier-Stock und Klingelbeutel glücklich die Mitte hält. Wir tragen ihm unsre Wünsche vor. Mit dem guten Humor eines Kölners behandelte er die Fragen und da ein Engländer mit seiner Tochter und ein junges Paar aus Brüssel oben herzugetreten sind, so ist die Zahl vollständig, die Berechnung wird angestellt jeder zahlt 13 Silbergroschen, auch der alte Engländer, nachdem er seinen Murray (Reiseführer) befragt und eine andre Summe herausgerechnet hat. Die Börsen werden gezogen, die mit Blechschildern ausgerüsteten Bengel, die den Dom umlagern und umlungern, sprechen dazwischen, englisch, französisch, kölnisch klingt es durcheinander – die Beter in den Betstühlen horchen auf. Sie müssen aufhorchen, es sind die Tabulettkrämer im Tempel, es ist kein Tempel mehr. Der Eindruck, den man hat, ist so unkirchlich wie möglich. Das „heilige Köln“ ist das „heilige Köln“ nicht mehr.
Um 6 Abfahrt mit dem Dampfschiff „Elisabeth“ nach Mainz. Schiff und Gesellschaft – im Wesentlichen – nichts weniger als elegant. Ueberhaupt ist der Rhein eben eine berühmte Reisestraße für alle Welt und neben den vornehmsten Leuten begegnet man auch einer großen Zahl höchst simpler Subjekte und armer Teufel.

Das Wetter war Anfangs neblig, dann windig, dann kam ein starker Regenschauer, das alles störte aber doch kaum eine halbe Stunde und im Wesentlichen war just das Wetter, das ich liebe. Es ist nicht zu leugnen, daß diese Rheinfahrt etwas Entzückendes hat: die Felsenufer mit ihren Weingeländen, die malerischen Dörfer die sich in dichter Reihenfolge am Ufer hinziehen, die prächtigen Kirchen die Stadtthürme, die Burgen (meist Ruinen, einzelne restaurirt, eine sogar glücklich erhalten, ich glaube die „Marksburg“) – das alles schafft hier ein Panorama, wie es die Welt wahrscheinlich nicht zum zweiten Male besitzt.

Die schönsten Punkte bis Bingen sind wohl folgende:
a. Lahneck (an der Einmündung der Lahn) und das gegenübergelegene Stolzenfels.
b. Ruine Rheinfels und die ganze Scenerie drum herum: St Goar, Goarshausen, die Ruine Thurnberg und die Ruine Katz.
c. Burg Rheinstein, Besitz des alten Prinzen Friedrich v. Preußen, der dort in der Kirche oder Kapelle auch beigesetzt ist.
d. Caub und die Pfalz. (Schon vor Rheinstein)
d. Die Parthie am Binger Loch und Mäusethurm, links Ruine Ehrenfels, Asmannshausen und Rüdesheim, rechts Bingen an der Einmündung der Nahe. Hier stoßen Nassau, Rheinhessen und Rheinpreußen zusammen. Was nördlich von der Nahe ist, ist preußisch, was südlich ist, ist Rheinhessen (Bingen); gegenüber liegt Nassau mit Asmannshausen, Rüdesheim, Geisenheim und Schloß Johannisberg.
Theodor Fontane: Reisetagebuch 1865. Köln. Rheinreise. Theodor Fontane: Notizbücher. Notizbuch C1beta. Digitale genetisch-kritische und kommentierte Edition. Hrsg. von Gabriele Radecke. https://fontane-nb.dariah.eu/kaesten.html?n=c