„Tegernseer Liebesgruß“

Eines der ältesten und bekanntesten Liebesgedichte in deutscher Sprache.

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Stadt Tegernsee, rechts die Klosteranlage. Foto von 2025

 

Der unter dem Namen „Tegernseer Liebesgruß“ bekannte Text „Dû bist mîn, ich bin dîn“ gilt als eines der ältesten und bekanntesten Liebesgedichte in deutscher Sprache.

Generationen von Oberschülern und Germanistik-Studenten haben die schlichten Verse in der Sammlung „Des Minnesangs Frühling“ kennen gelernt, einer 1857 begonnene Edition der deutschsprachigen Minnelieder des 12. und frühen 13. Jahrhunderts. Dort erscheint es als erstes Gedicht der „Namenlosen Lieder“:

 

Dû bist mîn, ich bin dîn :

des solt dû gewis sîn.

dû bist beslozzen

in mînem herzen :

verlorn ist das slüzzelîn :

dû muost immer drinne sîn.

 

Die abgesetzten Doppelpunkte am Zeilenende stehen für die Reimpukte in der Handschrift.

Das Gedicht gilt als ein Paradebeispiel für die frühe Phase des Minnesangs. Es thematisiert die unzertrennliche Bindung zwischen zwei Liebenden, wobei das Herz als ein verschlossener Raum dargestellt wird, dessen Schlüssel verloren ging – eine Metapher für die Ewigkeit der Liebe.

 

Codex Latinus Monacensis 19411 (Bayerische Staatsbibliothek München)

 

Der Text stammt aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und wurde in einer lateinischen Sammelhandschrift aus dem Benediktinerkloster Tegernsee entdeckt. Die dort enthaltene Korrespondenz besteht aus elf lateinischen Freundschafts- bzw. Liebesbriefen und einem Konvolut von insgesamt 306 Musterbriefen. Ob es sich dabei um Abschriften echter Korrespondenz oder um fingierte Briefe handelt, ist bis heute nicht geklärt. Das vermeintliche Gedicht steht am Ende eines lateinischen Liebesbriefs und diente vermutlich dazu, dessen Inhalt in der Volkssprache zusammenzufassen.

 

    

Kloster Tegernsee um 1560, Holzschnitt von Jost Amann. Veröffentlicht in den Landtafeln des Philipp Apian. Rechts: Fresco in der Klosterkirche von 1719.

 

Das Kloster Tegernsee war eine im 8. Jahrhundert gegründete Abtei der Benediktiner in der heutigen Stadt Tegernsee. Es war bis 1803 die wichtigste Benediktinerabtei Oberbayerns. Die Blütezeit des Klosters dauern bis weit ins 12. Jahrhundert, erkennbar u. a. an dort entstandenen Werken der Literatur und Wissenschaft: „Ruodlieb“ (11. Jahrhundert, letztes Drittel), Quirinalen (12. Jahrhundert) eines Metellus von Tegernsee, „Spiel vom Antichrist“ (um 1155), Tegernseer Briefsammlung (1178/1186).

 

 

 

 

Codex Latinus Monacensis 19411 S. 230 (Ausschnitt)

 

Die Transkription des Textes sieht folgendermaßen aus:

Du bist min ih bin din · des solt du gewis sin · du b[b aus p]ist beslossen in minem herzen · verlorn ist daz sluzzellin · du muͦst och immer dar inne sin ·

 

Entgegen der vorherrschenden Rezeption dieses Textes als „ältestes deutsches Liebeslied“ stellt der Mediävist und Literaturwissenschaftler Prof. Dr.  Jürgen Kühnel in seiner Untersuchung aus dem Jahre 1977 fest: Die mittelhochdeutschen Schlusszeilen des in lateinische Sprache verfassten Feindschafts-Briefs der Musterbriefsammlung „stellen kein selbständiges Gedicht dar, sei es ein Volkslied, das von der Dame abschließend zitiert wird oder eine von ihr adhoc verfasste Frauenstrophe. Inhaltlich fassen diese Zeilen die zentralen Gedanken des Briefes noch einmal in äußerster Prägnanz zusammen; formal handelt es sich um deutsche Reimprosa.“

 

Anders als in der Darstellung der Anthologie „Der Minnesangs Frühling“ ordnet Kühnel die sechs Prosazeilen folgendermaßen an:

 

Du bist min ih bin din.

des solt du gewis sin.

du bist beslossen in minem herzen.

verlorn ist daz sluzzellin.

du muͦst och immer dar inne sin.

 

Jürgen Kühnel (Hrsg.): Dû bist mîn, ih bin dîn. Die lateinischen Liebes- (und Freundschafts-) Briefe des clm 19411.

 

Trotz dieser neuen Erkenntnisse haben in den letzten 50 Jahren Generationen von Deutschlehrern ihren Schülern Grundkenntnisse des Versbaus und der Metrik der Minnelyrik (Metren, Kadenzen und Reimformen) vermittelt und sie dazu angeregt, empfindsame Interpretationen des vermeintlichen Liebesgedichts zu schreiben, die in formalen Analysen gegründet sind, die dem Text des Tegernseer Liebesgrußes von der Mediävistischen Wissenschaft übergestülpt wurden. Dazu haben sie ihnen Deutungsmuster des Einfachen, Unmittebaren, Innigen und Naiven an die Hand gegeben, die in einer poetologischen Reflexion seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gründen und damit die Tegernseer Zeilen als authentische Minneaussagen in lyrischer Form beschrieben und mit dem Nimbus des „deutschesten aller deutschen Gedichte“ versehen.

 

Im Anschluss an Jürgen Kühnels Analyse hat die Professorin für Deutsche Literatur des Mittelalters im europäischen Kontext an der Universität Tübingen, Annette Gerok Reiter, im Jahre 2017 festgehalten, „dass die bisherigen Deutungsoptionen das eigentlich Irritierende, ja befremdliche dieser Zeilen in ihrem Kontext nicht ausreichend fokussiert haben und damit die kulturelle Dynamik und Provokationskraft der Zeilen nicht als ihr eigentliches Signum in den Blick rücken konnten.“

Annette Gerok Reiter; Dû bist mîn, ich bin dîn (MF 3,1) – ein Skandalon? Berlin 2013, S. 75-97.

 

Hier folgt der ganze Brief aus der Tegernseer Handschrift in der Übersetzung und Zeilenanordnung von Gustav Freytag.

 

Das Weib an den Geliebten.

 

     „Ihrem H. der schönsten Blume, strahlend in der Sitten Ruhme,

     Der Tugenden Abbilde, der Tugenden Urbilde,

     Wünscht die Honigträgerin, die Turtel mit sanftem Sinn:

     Alles was fröhlich ist, alles was selig ist

     In der Erde Gewimmel und was lieblich ist im Himmel,

     Und was dem Pyramus Thisbe begehrt. Und zuletzt sei ihm gewährt

     Sie selbst, noch einmal sie, und was ihm lieber ist als sie.

 

   Du liebster unter allen Lieben! Wäre ich erfüllt vom Geiste des Maro und strömte aus mir die Redekunst des Cicero oder eines andern großen Redners, oder etwa eines rühmlichen Reimers, ich müßte mich doch zu schwach bekennen, deiner schön gefeilten Rede ebenso zu antworten. Lache mich darum nicht aus, wenn ich für mein Theil etwas vorbringe, weniger zierlich als ich möchte. Du fühlst doch innig mit mir, was ich in meinem Gemüth trage. Es ist guten Sinnen eigen, Vertraulichkeit mit Gleichgesinnten zu begehren, und mir liegt am Herzen deinen Vorschriften bei allem Wollen zu gehorchen, und darum wollte ich durch gegenwärtiges Schreiben deinem süßen Briefe doch mit einer Antwort entgegnen, wenn sie ihm auch ungleich ist. Immer war Anfang, Mitte und Ende unserer Unterredung die Freundschaft. Da ist es in der Ordnung, daß ich von der wahren Freundschaft, dem besten, fröhlichsten und lieblichsten aller Dinge spreche. Wahre Freundschaft ist nach dem Zeugniß des Tullius Cicero Einklang in allem Göttlichen und Menschlichen mit Herzlichkeit und zugeneigtem Sinn. Sie ist auch, wie ich von dir gelernt habe, das trefflichste aller Dinge auf Erden und besser als alle andern Tugenden; denn sie gesellt, was getrennt war, sie bewahrt, was sie gesellt, und was sie bewahrt, hebt sie höher und höher. Nichts ist wahrer, als diese Beschreibung oder Erklärung, wer sich danach richtet, der hat einen Grund von fester Bewährung.

 

     Für sie wollen wir leben, denn durch sie wird fester unser Streben,

     Sie ist ein mächtig Ding, tröstet vornehm und gering;

     Sie richtet auf die Wankenden und erquickt die Krankenden,

     Sie läßt nicht Unrecht üben und fordert frei zu lieben,

     Um kurz zu reden, sie ordnet jedes ohn' Beschwerden.

     Sie waltet mächtig und regieret prächtig.

 

   Doch um davon abzukommen, ohne davon zu lassen, an dich richte ich meine Zeilen, an dich, den ich in meiner Herzenskammer eingeschlossen trage, der jedes menschenmöglichen Looses würdig ist. Denn von dem Tage, wo ich dich zuerst sah, sing ich an dich zu lieben. Du bist kühn in die Tiefen meines Herzens eingedrungen, dort hast du dir, wunderbar zu sagen, durch den Reiz deines lieblichen Gespräches einen Sitz bereitet, und daß er nicht bei einem Anstoß umgeworfen werde, hast du durch die Rede deiner Briefe dir deinen Schemel, ja einen Thron fest gegründet. So ist es gekommen, daß dich aus meinem Gedächtniß kein Vergessen tilgen kann, keine Dämmerung verhüllen und kein starkes Stürmen von Wind und Wetter aufstören. Doch wie kann man von Beständigkeit reden, wo immer neue Dinge aufeinander folgen? Ich würde es wohl für ein wahres Sein halten, wenn ich immer in deiner Nähe sein könnte; aber da mir solches Sein versagt ist, wird alles Sein, das mich umgibt, von mir für unwahr gehalten. Mache du also, daß ich mein Sein für wahr zu halten vermag, und das ist nicht anders möglich, als wenn etwas von dir mit mir ist.

   Auch der Glaube wird die Königin aller Tugenden genannt, und das bezeugt nicht nur die heilige Schrift, auch die unverwerfliche Lehre weltlicher Lehrer. Diesen Glauben willst du und ich will ihn, du suchst ihn bei mir, ich wieder bei dir, ihn hefte ich durch Wort und That eifrig in dein Herz; scheidest du dich von ihm, so sinkst du zum Abgrund; lösest du dich von ihm, so fährst du niederwärts vom Pfade der Tugend. Vermählst du dich ihm, so leuchtest du wie ein Sonnenstrah dienst du ihm, so eroberst du die Burg der Tugenden; folgst du ihm, erwirbst du ein seliges Leben; hältst du ihn fest, so fassest du den Anker deiner Hoffnung. Warum? Er bindet in Hoffnung, er vereint in Liebe; durch seine Fesseln sind wir zusammengesellt; daß wir ihn fühlen, darum wünschen wir uns Glück. Was soll ich mehr sagen?

 

     Alles Gute gewinnt, wer durch Gott in Treue brinnt.

 

   Du allein bist mir aus Tausenden erlesen, du allein bist in das Heiligthum meines Geistes aufgenommen, du allein bist mir Genüge statt allem, wenn du dich nämlich von meiner Liebe, wie ich hoffe, nimmer abwendest. Wie du gethan hast, habe ich auch gethan, aller Lust habe ich aus Liebe zu dir entsagt, an dir allein hange ich, auf dich habe ich alle meine Hoffnung und mein Vertrauen gesetzt.

   Ferner wenn du mir räthst, ich soll mich vor den Rittern wie vor gewissen Ungethümen hüten, so hast du Recht. Auch ich weiß, wie ich mich wahre, damit ich nicht sinke auf die Bahre. Aber ohne die Treue gegen dich zu verleken, verschmähe ich sie nicht ganz, wenn ich nur nicht dem Fehler unterliege, den du ihnen Schuld giebst. Denn sie sind es doch, durch welche die Vorschriften höfischer Sitte geübt werden, sie sind Quelle und Ursprung aller Ehre. So viel über die Herrn, bleiben sie nur unserer Minne fern.

   Meines Gelöbnisses eingedenk, habe ich dich immer und überall in Gedanken, denn dadurch wird die Glorie meines Hauptes völlig und mein Ruhm erneut. Beständigkeit des Geistes und der Treue bewahre ich dir allein, weil ich dadurch Gold und Silber der Seele, das ist Anmuth, mir erwerbe, die ich höher zu schätzen habe, als Gold und Silber. Was dir am werthesten sein mag,

 

   Daran hange ich und das für alle Zeit verlange ich,

Dabei zu beharren in Stetigkeit, befiehlt mir mein Sinn in Wahrhaftigkeit.

Ich bin sicher dir, niemand folgt in mir

Jetzt und jemals dir von allen, du allein sollst mir gefallen.

Ich hätte mehr gesendet, doch thut's nicht noth, drum sei geendet.

 

   Du bist mein, ich bin dein,

   Des sollst du gewiß sein.

   Du bist beschlossen

   In meinem Herzen.

   Verloren ist das Schlüsselein,

   Du mußt immer drinnen sein.

 

Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Herausgegeben von Gustav Freytag. Erster Band. Aus dem Mittelalter. Leipzig 1867, S. 531-534.

 

 

Literatur

Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Herausgegeben von Gustav Freytag. Fünfte vermehrte Auflage. Erster Band. Aus dem Mittelalter. Leipzig 1867.

Jürgen Kühnel (Hrsg.): Dû bist mîn, ih bin dîn. Die lateinischen Liebes- (und Freundschafts-) Briefe des clm 19411. Abbildungen, Text und Übersetzung. Göppingen 1977. (Litterae. Band 52).

Des Minnesangs Frühling. Teil: 1., Texte. 38. Auflage. Stuttgart 1988.

Annette Gerok Reiter; Dû bist mîn, ich bin dîn (MF 3,1) – ein Skandalon? Zur Katrin Kohl: Poetologische Metaphern. Formen und Funktionen in der deutschen Literatur. Berlin 2007.

Meinolf Schumacher: Einführung in die deutsche Literatur des Mittelalters. Darmstadt 2010.

Provokationskraft der volkssprachigen Stimme im Kontext europäischer Liebesdiskurse. In: Praktiken europäischer Traditionsbildung im Mittelalter, Wissen – Literatur – Mythos. Herausgegeben von: Manfred Eikelmann und Udo Friedrich. Berlin 2013, S. 75-97.

Thomas Bein: Deutschsprachige Lyrik des Mittelalters. Von den Anfängen bis zum 14. Jahrhundert. Eine Einführung. Berlin 2017. (Grundlagen der Germanistik. Band 62.)

 

 

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