Weitere deutsche Bearbeitungen und Veränderungen
Im Verlauf des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts blieb das Märchen in seiner Struktur weitgehend unverändert, einige Autoren entfernten jedoch auch noch die wenigen übrig gebliebenen Gewaltszenen (z. B. das Verschlingen des Rotkäppchens) und Stellen mit sexuellem Unterton, die sie als zu roh empfanden. Meist blieb Rotkäppchen in ihrer naiven und hilflosen Position und wurde vom männlichen Jäger gerettet, was das Frauenbild der Zeit widerspiegelt. In Deutschland wurde das Märchen im 19. Jahrhundert zunehmend niedlicher und christlicher, um es den Kindern zugänglicher zu machen. Die Brüder Grimm selbst überarbeiteten ihre eigenen Märchen mehrmals, bis der Wolf 1857 zum alten Sünder wurde. 1853 nahm Ludwig Bechstein Rotkäppchen in sein Deutsches Märchenbuch auf, wobei die Grimmsche Fassung auch hier als Vorlage diente. Er versuchte zwar, seine Version witziger und volkstümlicher zu gestalten, aber das verlor sich durch seinen gekünstelten Stil leicht im Kindischen. Bechstein trat zu keinem Zeitpunkt als Konkurrent der Märchenbrüder auf.
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Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise geweiht von JOHANN HEINRICH LEHNERT, Prediger zu Falkenrehde bei Potsdam. Berlin, bei J. G. Hasselberg (1829).
Rothkäppchen, S. 8-12.
Rothkäppchen.
Es war einmal ein kleines Bauermädchen, das alle Leute lieb hatten, weil es so hübsch, so freundlich und so zuthulich war. Vorzüglich aber liebte die Mutter das holde Kind, und fast noch mehr die Großmutter. Diese ließ ihr ein niedliches rothes Käppchen machen, und das stand der Kleinen so allerliebst, daß man sie von der Zeit an nur immer Rothkäppchen nannte.
Nun hatte eines Tages die Mutter Kuchen gebacken; da rief sie Rothkäppchen zu sich, und sagte: „Geh, Kind, zur Großmutter, und bringe ihr den Kuchen und dies Töpfchen Butter: denn Großmutter ist krank, und sie wird sich freuen, Dich bei sich zu sehen. Bleibe aber immer hübsch auf dem Wege, und gehe nicht in den Wald, da wohnt der garstige Wolf, der könnte Dich beißen.“
Rothkäppchen nahm den Kuchen und das Töpfchen, und machte sich auf den Weg zur Großmutter, die hinter dem Walde wohnte.
Als sie nun unterwegs am Walde vorbeikam, schien die Sonne recht lieblich hinein, und sie sah gar schöne Blumen darin stehen. „Ach, die muß ich mir pflücken!“ sagte Rothkäppchen, „so vorn im Walde wird wohl der böse Wolf nicht seyn.“ Da ging sie hinein und pflückte die Blumen, und weil sie nun immer schönere Blumen sah, die sie auch gern haben wollte, so gerieth sie immer tiefer in den Wald.
Da kam der Wolf an, und wollte Rothkäppchen fressen; doch getraute er es sich nicht, weil Holzhauer in der Nähe waren. Er nahm also zur List und Verstellung seine Zuflucht, und fragte Rothkäppchen recht freundlich, wo sie denn schon so früh hin wolle?
„I nun, zur Großmutter will ich,“ antwortete Rothkäppchen, „die ist krank, und kann nicht aus dem Bette; da bringʼ ich ihr einen Kuchen und etwas Butter, welches ihr die Mutter schickt.“
„Wo wohnt denn Deine Großmutter?“ fragte der Wolf weiter. Und Rothkäppchen antwortete: „Die wohnt nicht mehr weit von hier, dort hinter dem Walde im grünen Hause, unter den drei Eichen, und stehen schöne Haselhecken um den Garten, da wachsen schöne Nüsse dʼrauf, die schenkt mir die Großmutter alle.“
„Schön, schön,“ sagte der Wolf, „da will ich sie doch auch einmal besuchen!“ Und damit lief er quer durch den Wald, so schnell er konnte; Rothkäppchen aber ging ganz gemächlich ihres Weges, und pflückte sich noch manche Blume, und griff nach den bunten Schmetterlingen, die um sie herflatterten.
Der Wolf war bald vor das Haus der Großmutter gekommen. Er pochte an: Poch! poch! –
„Wer ist da?“ rief die Großmutter. Und der Wolf antwortete: „Ich binʼs, Euer Enkelchen Rothkäppchen; ich bringe Euch einen Kuchen und ein Töpfchen Butter, welches die Mutter Euch schickt; macht auf!“ Das Alles aber sagte er so natürlich, und machte Rothkäppchens Stimme so gut nach, daß die Großmutter gar nicht zweifelte, es sey ihr Enkelchen, und hinausrief: „Schieb nur den Riegel weg, mein Kind, dann geht die Thüre von selbst auf.“
Das that auch der Wolf; und wie er nun im Hause war, da stürzte er auf die alte gute Frau los, und verschluckte sie in einem Augenblick ganz und gar: denn er hatte erschrecklichen Hunger, und in mehr als drei Tagen nichts gegessen.
Hierauf machte er die Thüre wieder zu, und zog der Großmutter Kleid an, und setzte ihre Haube tief inʼs Gesicht; dann legte er sich inʼs Bette, und zog die Vorhänge zu, damit ihn Rothkäppchen nicht so leicht kenne: denn er wollte sie auch noch fressen.
Nach einem Weilchen kam Rothkäppchen ebenfalls an, und pochte an die Thüre. „Wer ist da?“ rief der Wolf mit seiner rauhen Stimme. Darüber erschrack Rothkäppchen ein wenig; doch da sie glaubte, die Großmutter möchte wohl den Schnupfen haben, so faßte sie sich wieder, und sagte: „Ich bin es, Euer Enkelchen Rothkäppchen; ich bringe Euch einen Kuchen und ein Töpfchen Butter, welches die Mutter Euch schickt; macht auf!“ – Mit etwas milderem Tone sprach nun der Wolf: „Schieb nur den Riegel fort, mein Kind, dann geht die Thüre von selbst auf.“
Das that Rothkäppchen; und als sie nun in die Stube trat, da kroch der Wolf tiefer inʼs Bette, und sagte: „Stelle den Kuchen und das Töpfchen mit Butter dort auf den Backtrog, und dann komm ein Bischen zu mir inʼs Bette: denn ich kann nicht aufstehen.“
Nachdem sich nun Rothkäppchen zu dem Wolfe inʼs Bette gelegt hatte, wunderte sie sich über das häßliche Aussehen der Großmutter, und sagte ängstlich: „Ach, Großmutter, was habt Ihr für große Ohren?“
„Daß ich Dich besser hören kann!“ sagte der Wolf.
„Großmutter, was habt Ihr für große Augen?“ fragte Rothkäppchen wieder.
„Daß ich Dich besser sehen kann!“
„Ach, Großmutter,“ fuhr Rothkäppchen fort, „was habt Ihr für lange Beine?“
„Die habʼ ich, um besser laufen zu können!“
Und wieder sprach Rothkäppchen: „Ach, Großmutter, was habt Ihr für lange Arme?“
„Um Dich besser umarmen zu können!“
„Ach, Großmutter!“ rief Rothkäppchen noch ein Mal, „was habt Ihr für lange Zähne?“
„Die habʼ ich, daß ich Dich besser verschlingen kann!“ schrie der Wolf, und bei diesen Worten warf sich das garstige Thier über Rothkäppchen her, und verschluckte sie im Nu. Darauf, weil er zu voll war, schlief er ein, und schnarchte ganz greulich.
Während er nun so schlief, ging der Jäger vorbei, und als er die Thüren offen stehen sah, und drinnen so laut schnarchen hörte, dachte er: Was ist das? Du willst doch ein Bischen hineinsehen. Als er nun den Wolf im Bette sah, aber nicht die Großmutter, so merkte er gleich, daß der Wolf die Großmutter würde gefressen haben. Aber er wollte nicht schießen, damit er die Großmutter nicht mit träfe: denn die möchte vielleicht wohl noch leben; er nahm also sein Jagdmesser, und schnitt dem Wolf den Bauch auf. Siehe, da springt erst Rothkäppchen heraus, und sagt: „Wie war ich erschrocken! es war so dunkel im Wolfsbauche.“ Hierauf holt der Jäger die Großmutter auch hervor.
Da waren alle drei vergnügt; Rothkäppchen aber am meisten. „Ach,“ sagte sie, „Mutter hat mich wohl gewarnt vor dem garstigen Wolfe, aber ich habe ihr nicht gefolgt; nun will ich mein Lebtage nicht wieder thun, was die Mutter verboten hat!“

Echte und wahrhafte/ Feen-Mährchen./ Neu bearbeitet./ Erstes Bändchen./ Mit Kupfern./ Stuttgart,/ Franz Heinrich Köhler./ 1839.
Rothkäppchen., S. 1-3.
Rothkäppchen.
Es war einmal ein Bauermädchen, so hübsch und niedlich, als man nur eins sehen kann. Ihre Mutter war ganz in sie vernarrt, und noch mehr ihre Großmutter. Diese ließ ihr ein rothes Käppchen machen, das ihr so gut stand, daß man sie deßhalb nicht anders als Rothkäppchen nannte.
Einst hatte ihre Mutter Brodkuchen gebacken, und sagte zu ihr, bring der Großmutter ein Stück Kuchen und das Butterbüchschen, und sieh, was sie macht; denn ich hörte, sie wäre krank. Nun trippelte Rothkäppchen geschwind fort zur Großmutter, die in einem andern Dorfe wohnte. Als sie aber unterwegs durch einen Wald ging, kam der Meister Wolf, und wollte sie fressen; aber er wagte es doch nicht, wegen einiger Holzhauer, die in der Nähe da waren. Er fragte sie daher, nur, wo sie hinginge. – Ei, sagte das kleine Mädchen das noch nicht wußte, wie gefährlich es ist sich mit einem Wolfe einzulassen – ich will zur Großmutter und ihr ein Stück Kuchen und ein Butterbüchschen von der Mutter bringen. – So, ei wo wohnt sie denn? Istʼs denn noch weit hin? fragte der Wolf. – Ja freilich, versetzte Rothkäppchen, sie wohnt über der Mühle, die du dort ganz unten siehst, gleich im ersten Hause, wenn man zum Dorfe hineingeht. – Gut, sagte der Wolf, ich will sie doch auch besuchen. Weißt du was, ich will diesen Weg gehen, gehʼ du jenen, da wollen wir sehen, wer am ersten hinkömmt.
Nun fing der Wolf aus Leibeskräften zu laufen an auf dem kürzesten Weg, Rothkäppchen aber hatte den längsten Weg genommen, und hielt sich noch dazu überall auf, suchte Haselnüsse, lief bunten Schmetterlingen nach, und band sich Sträußerchen von Blümchen, die sie hie und da pflückte. Der Wolf war gar bald vor der Großmutter Hause. Er pochte an: poch, poch. – „Wer da?“ rufte die Großmutter.– „Mach nur auf, liebʼ Großmutter“ antwortete der Wolf mit verstellter Stimme – „ich bins, Euer Rothkäppchen, ich bring Euch Brodkuchen und ein frisches Butterbüchschen, das euch meine Mutter schickt.“ – Die Großmutter, die im Bette lag und krank war rief: „zieh nur an der Klinke, der Riegel geht gleich auf.“ Der Wolf zog und die Hausthür gieng auf. Nun fiel er über die arme Frau her, und fraß sie, mir nichts dir nichts, rein auf, denn er hatte ganzer drei Tage gefastet. Er machte darauf die Thüre wieder zu, legte sich ins Bette der Großmutter und wartete nun auf Rothkäppchen, die bald darauf kam, und an die Thür klopfte. Poch, poch! – „Wer da?“ Rothkäppchen, welche die grobe Stimme des Wolfs hörte, fürchtete sich anfangs davor; sie dachte aber hernach, daß die Großmutter vielleicht einen heisern Hals hätte, und antwortete: „Macht nur auf, ich bins, das kleine Rothkäppchen; ich bring euch frischen Kuchen und ein Butterbüchschen, das euch meine Mutter schickt.” – „Zieh nur an der Klinke, liebes Rothkäppchen, und der Riegel wird gleich aufgehen;“ rief der Wolf, und machte seine Stimme so klein, als er konnte. – Rothkäppchen zog an der Klinke und die Thür ging auf. Da der Wolf sie hereinkommen sah, kroch er unter die Bettdecke und sagte zu ihr: „Setze den Kuchen und das Butterbüchschen nur hin auf den Mehlkasten und hernach leg dich zu mir ein bischen ins Bette.“ Rothkäppchen that es, zog sich aus und wollte sich ins Bett legen, aber wie erschrack sie nicht, da sie die Decke aufschlug und sah, wie ihre Großmutter aussah. Ach, liebe Großmutter, fing sie an, was ihr für große Arme habt! – Die habʼ ich, meine Tochter, daß ich dich desto besser umarmen kann. – Ach, liebe Großmutter, was ihr für große und rauche Beine habt! – Die hab ich, meine Tochter, daß ich desto besser laufen kann. – Ach, liebʼ Großmutter, was ihr für große Ohren habt! – Die hab ich, daß ich desto besser hören kann. – Ach, lieb Großmutter, was ihr für große Augen habt! Die hab ich, meine Tochter, daß ich desto besser sehen kann. – Ach, liebʼ Großmutter, was ihr für große Zähne habt! – Und die habʼ ich, daß ich dich desto besser fressen kann.“ Und wie er das sagte, fiel der garstige Wolf über das arme Rothkäppchen her, und fraß es auf.

Das/ kleine Rothkäppchen./ Ein Kinder-Märchen/ mit 16 Bildern./ Frei nach dem Französischen/ von/ Gustav Holting./ Berlin./ Winckelmann und Söhne (1840).
Illustrationen von Theodor Hosemann.
Der Text folgt der 3. Aufl. 1865.
In einer schönen und fruchtbaren Gegend lag einmal vor Zeiten ein großes Dorf. Die Häuser desselben waren zwar klein, aber doch freundlich von außen und reinlich von innen, und von einem wohlgepflegten Gärtchen umgeben. Mitten in dem Dorfe stand die Kirche auf einem großen Platze, der mit Bäumen bepflanzt war, die an Alter der Kirche selbst gewiß nicht nachstanden, und die im Sommer den schönsten Schatten gaben.
Auf diesem Platze kam die liebe Dorfjugend zum Spielen zusammen, wenn die Schulstunden vorbei waren, und es auf dem Felde eben nichts Besonderes zu thun gab, und dann wurde gelacht und gejubelt, daß man es, wer weiß wie weit, hören konnte. Kinder gab es genug in dem Dorfe, und auch recht artige Kinder, die gern in die Kirche und in die Schule gingen, um etwas Nützliches zu lernen. Auch recht hübsche Kinder gab es daselbst, mit hellen Augen und rothen Backen; aber ein kleines Mädchen überstrahlte doch in jeder Hinsicht alle andern Kinder. Dieses Mädchen war so schön und wunderlieblich, wie man nur ein Kind sehen konnte, und dabei so artig, so freundlich und gefällig, wie eigentlich alle Kinder sein sollten. Seine Mutter liebte es auch über alle Beschreibung, und seine Großmutter war ganz vernarrt in das liebe Kind.
Diese gute Frau, die in einem benachbarten Dorfe wohnte, ließ ihrer kleinen Enkelin ein Käppchen machen, von rothem Sammt, mit schwarzen Spitzen besetzt.
Das Käppchen war dem Kinde sehr lieb, weil es ein Geschenk von der guten Großmutter war, aber auch, weil es ihm so allerliebst stand. Etwas Niedlicheres gab es aber auch nicht, als das Kind mit seinem rothen Käppchen, mit den schönen blonden Locken, die darunter hervorkamen, und mit den hellen, freundlichen Augen, die Jeden anlächelten. Sein Käppchen setzte es gar nicht mehr ab, und daher nannte man es bald im ganzen Dorfe nicht anders, als: „Rothkäppchen.“ Ging Rothkäppchen durch die Straßen des Dorfes, so blieben alle Leute, große und kleine, stehen, und sahen ihm nach.
Die Mütter aber zeigten es ihren eignen Kindern und sagten: „da geht Rothkäppchen! Ach wenn Ihr doch auch so hübsch, aber auch so brav und so freundlich würdet!“
Eines Tages hatte Rothkäppchens Mutter schöne Kuchen gebacken, und legte einen davon bei Seite auf einen Tisch, und setzte auch ein Töpfchen Butter dazu.
Was sie damit machen wollte, werden wir sogleich hören, denn sie sagte zu ihrer Tochter:
„Rothkäppchen, Du könntest wohl einmal gehen und sehen, was Deine Großmutter macht. Ich habe gehört, daß sie unwohl ist. Nimm ihr dann auch gleich einen von den schönen Kuchen und ein Töpfchen Butter mit.
Das war Rothkäppchen sehr angenehm zu hören, denn es ging gern zu seiner Großmutter, die es so lieb hatte, und ging auch gern durch den Wald, durch welchen der Weg führte, und wo so süße Beeren und so schöne Blumen wuchsen. Es schlug also ein weißes Tuch um den Kuchen und um den Buttertopf und machte sich sogleich auf den Weg.
Kaum hatte Rothkäppchen das Haus verlassen, so hatte es auch schon von weitem einen Begleiter, aber einen recht häßlichen. Das war der Wolf, der Gevatter des schlauen Fuchses, welcher zwar nicht, wie dieser, den Bauern die Hühner und Gänse stiehlt, dafür aber ihre Schafe und Ziegen holt.
Dieser Wolf schlich also, wie gesagt, unserm Rothkäppchen von weitem nach, und hätte gar zu gern das niedliche Mädchen erwürgt und aufgefressen. Auf dem freien Felde wagte er das aber nicht, aus Furcht, gesehen zu werden. „Im Walde wird es besser gehen,“ dachte er, und ließ seine Beute nicht aus den Augen.
Als daher Rothkäppchen in dem Walde angelangt war, war auch Gevatter Wolf gleichbei der Hand. Aber auch jetzt durfte er es noch nicht wagen, sein böses Vorhaben auszuführen, weil in der Nähe Holzhauer sich hören ließen, die damit beschäftigt waren, einige große Bäume umzuhauen.
Diese würden ihm wahrscheinlich schön mit ihrer Axt auf den Pelz gekommen sein, wenn er sich unterstanden hätte, ihrem lieben Rothkäppchen etwas zu Leide zu thun.
Der Wolf stellte sich nun ganz fromm, machte ein so gutmüthiges Gesicht, wie es ihm nur möglich war, und fragte Rothkäppchen, wohin es ginge. Das gute Kind, welches noch nicht wußte, wie gefährlich es ist, sich mit einem Wolf in eine Unterhaltung einzulassen, und welches alle Geschöpfe für ebenso schuldlos hielt, als es selbst war, antwortete ohne alle Scheu: „ich will meine Großmutter besuchen und ihr einen Kuchen und ein Töpfchen Butter bringen, welches meine Mutter ihr schickt.“
„Wohnt Deine Großmutter weit von hier? „fragte der schlaue Wolf.“
O ja,“ antwortete Rothkäppchen; „wenn man durch den Wald ist, dann kommt man erst an eine Mühle, und jenseits der Mühle liegt ein Dorf, und in dem ersten Häuschen desselben wohnt meine Großmutter. Kennst Du die gute, alte Frau?“
„Nein,“, antwortete der Wolf, „aber ichmöchte sie gern kennen lernen. Ich werde sie einmal besuchen.
„Ach ja, das thue doch,“ antwortete Rothkäppchen ganz vergnügt; „das wird meiner Großmutter gewiß recht lieb sein. Die gute Frau muß ja immer so ganz allein in ihrem Zimmerchen sitzen.“
„So? Ganz allein wohnt Deine Großmutter?“ fragte der Wolf weiter.
“Ei freilich,“ antwortete Rothkäppchen;“ wer sollte denn bei ihr sein? „
– Das war nichtganz recht von Rothkäppchen, daß es so zutraulich gegen den Wolf war, den es doch zum ersten Male in seinem Leben sah. Jemandem, den man nicht ganzgenau kennt, muß man nicht alles erzählen, was man vorhat, oder überhaupt ihm nicht Dinge anvertrauen, die ihn nichts angehen. –
Der Wolf merkte sich recht gut, was er eben gehört hatte, und sogleich war sein Entschluß gefaßt, die alte Großmutter auch zu seiner Beute zu machen.
„Ich habe jetzt gerade Zeit,“ fuhr er fort, „und will Deiner Großmutter gleich einen Besuch machen. Bleib Du nur hier auf dem Wege; ich will da den Seitenweg gehen, und dann wollen wir einmal sehen, wer zuerst da ist.“
Jetzt fing der Wolf zu laufen an, so schnell er nur konnte, und zwar auf dem kürzesten Wege. Rothkäppchen aber nahm sich Zeit. Bald kam es an einen Strauch, auf welchem schöne Haselnüsse wuchsen und davonwurden einige abgepflückt, aufgeknackt und gegessen. Bald sah es schöne rothe Heidelbeeren aus dem Grase hervorgucken und diese sammelte es, um der Großmutter eine Freude damit zu machen. Zuletzt kam es gar an eine Stelle, wo rundum die niedlichsten Blümchen wuchsen. Da setzte sich denn Rothkäppchen ganz ruhig nieder, legte sein Bündelchen neben sich,
Und begann ein Sträußchen zu binden,
Und ein hübsches Kränzchen zu winden.
Darüber ging dann eine geraume Zeit hin, und Rothkäppchen merkte kaum, daß der Abend herannahte.
Unterdessen war der Wolf tüchtig darauf los gelaufen, und hatte bald das Häuschen erreicht, in welchem die Großmutter wohnte. Er schlich einigemal um dasselbe herum, um zu untersuchen, ob die alte Frau auch wirklich allein, und keine Gefahr für ihn da wäre. So geht es dem Bösewicht immer; denn wer kein gutes Gewissen hat, der muß die Gesellschaft rechtlicher Leute scheuen und jedes rauschende Blatt jagt ihm Furcht ein. Die Thür des Häuschens war zu, und obgleich der Wolf sich lauschend immer näher und näher schlich, so konnte er doch nicht das geringste Geräusch in demselben vernehmen. Da faßte er sich endlich ein Herz, und klopfte mit dem Klopfer leise an die Thür.
Die alte Großmutter war wohl zu Hause, aber sie war wirklich krank geworden. Sie hatte sich deshalb zu Bette gelegt, und Medicin eingenommen, welche sie sich schon früher aus der Stadt hatte mitbringen lassen, da siedergleichen Zufälle öfter hatte.
Um nun nicht aufstehen zu müssen, wenn Jemand in das Haus wollte, hatte sie eine Schnur an den Riegel der Hausthür befestigt, mit welcher man diesen von außen aufziehen konnte.
Wie wir gehört haben, hatte der Wolf endlich mit dem Klopfer an die Hausthür gepocht: tup! tup!“
„Wer ist da?“ fragte sogleich die Großmutter.
“Ich bin es , das kleine Rothkäppchen! „antwortete der Wolf mit verstellter und so feiner Stimme, wie er nur hervorbringen konnte.
„Ich bringe Dir einen Gruß von meiner Mutter und auch einen Kuchen und ein Töpfchen Butter. Mache geschwind die Thür auf! „Ziehe nur von außen an der Schnur, mein Herzchen, so wird der Riegel aufgehen,“ antwortete die Großmutter, welche durchaus an keinen Betrug dachte. Der Wolf zog au der Schnur, und die Thür ging auf. Geschwind fiel er jetzt über die gute alte Frau her, und verschlang sie in wenig Augenblicken, denn er war sehr hungrig, da er bereits seit drei Tagen nichts gegessen hatte. Hierauf ging er an den Kleiderschrank der Großmutter, band sich ein Halstuch um, setzte sich eine Mütze auf, und legte sich endlich in das Bett, um auf Rothkäppchen zu warten, welches, wie er dachte, doch viel besser schmecken müßte, als die alte Großmutter.
Rothkäppchen blieb auch nicht lange aus, denn es war schon ziemlich dunkel geworden. An die ihm wohlbekannte Hausthür klopfte es mit dem Klöpfer an: tup! tnp!
„Wer ist da?“ fragte von Innen eine etwas rauhe Stimme. Rothkäppchen erschrak anfangs vor diesem rauhen Tone, doch beruhigte es sich bald wieder, weil es glaubte, die Großmutter habe sich erkältet und sei deshalb so heiser.
„Ich bin es,“ antwortete es daher, „Dein liebes Rothkäppchen. Ich wollte Dich gern einmal besuchen, um zu sehen, wie es Dir geht, und meine Mutter schickt Dir einen Kuchen und ein Töpfchen Butter. Mache mir doch geschwind die Thür auf, denn ich bin sehr müde.“
Der Wolf gab sich nun wieder die größte Mühe, seine Stimme so viel als möglich zu verstellen, und sagte: „ziehe nur an der Schnur, mein Herzchen, so wird der Riegel aufgehen.“
Rothkäppchen zog an der Schnur, die Thür öffnete sich, und es trat in die Stube. Der Wolf sah mit arger Schadenfreude das liebe Kind hereinkommen und versteckte sich dann geschwind bis dicht an die Ohren unter das Deckbett.
Es war in der Stube schon ziemlich dunkelgeworden, und dies erleichterte dem bösen Wolf seinen Betrug, indem man ihn nicht erkennen konnte, und weil er aus dem Deckbett hervorsprach, hatte auch seine rauhe Stimme nichts Verdächtiges.
„Wie geht es Dir, liebe Großmutter?“ fragte Rothkäppchen zärtlich.
„Gar nicht gut, mein Kind, „stöhnte der Wolf; „aber warum kommst Du so spät?“
„Es war so hübsch in dem Walde,“ antwortete Rothkäppchen, „und ich fand da so schöne Haselnüsse und so schöne Heidelbeeren und Blumen. Sieh nur, was ich Dir Alles mitgebracht habe! Beeren, und ein Sträußchen, und ein allerliebstes Kränzchen! Und was die Mutter Dir schickt, wird Dir gewiß auch schmecken; schöne Kuchen und frische Butter. Jetzt bin ich aber auch recht müde und kalt, denn seit einiger Zeit weht draußen ein rauher Wind.“
„So lege die schönen Sachen nur auf den Tisch oder auf einen Stuhl, „sagte der Wolf, „und komme zu mir ins Bett; da wirst Du schon warm werden, und kannst Dich auch hübsch ausruhen.
„Rolhkäppchen zog sich hierauf sein Kleidchen aus, und wollte sich zu der Großmutter ins Bett legen. Wie erstaunte es aber, als es nun näher trat, und die Veränderung bemerkte, die mit derselben vorgegangen war.
„Großmutter, was hast Du für große Arme!“
„Um Dich besser umarmen zu können, mein Töchterchen.“
„Großmutter, was hast Du für lange Beine!“
„Um besser laufen zu können.“
„Großmutter, was hast Du für große Ohren!“
„Um besser damit hören zu können, mein Kind.“
„Großmutter, was hast Du für große Augen!“
„Um Dich besser sehen zu können, mein Herzchen.“
„Großmutter, was hast Du für große Zähne!“
„Die brauche ich, um Dich zu fressen.
„Und mit diesen Worten warf sich der schändliche Wolf auf unser liebes Rothkäppchen, und verschlang es eben so rasch, als er vorher die Großmutter verschlungen hatte.

Deutsches Märchenbuch ist der Titel einer Märchensammlung von Ludwig Bechstein, die von 1845 bis 1857 erschien. Ab der 12. Auflage von 1853 erschien es illustriert als Ludwig Bechsteinʼs Märchenbuch. Ab 1856 erschien daneben Bechsteins Neues deutsches Märchenbuch.
Rotkäppchen wurde in die 12. Auflage aufgenommen.
Ludwig Bechsteins Märchenbuch. Mit 174 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter. Zwölfte Auflage. Erste illustrierte Ausgabe. Leipzig, Verlag von Georg Wiegand.13. Auflage. Leipzig: Georg Wigand, 1857.
Das Rothkäppchen, S. 51-55.
Das Rotkäppchen
Es war einmal ein gar allerliebstes, niedliches Ding von einem Mädchen, das hatte eine Mutter und eine Großmutter, die waren gar gut und hatten das kleine Ding so lieb. Die Großmutter absonderlich, die wußte gar nicht, wie gut sieʼs mit dem Enkelchen meinen sollte, schenktʼ ihm immer dies und das und hatte ihm auch ein feines Käppchen von rotem Sammet geschenkt, das stand dem Kind so überaus hübsch, und das wußte auch das kleine Mädchen und wollte nichts andres mehr tragen, und darum hieß es bei alt und jung nur das Rotkäppchen. Mutter und Großmutter wohnten aber nicht beisammen in einem Häuschen, sondern eine halbe Stunde voneinander, und zwischen den beiden Häusern lag ein Wald. Da sprach eines Morgens die Mutter zum Rotkäppchen: „Liebes Rotkäppchen, Großmutter ist schwach und krank geworden, und kann nicht zu uns kommen. Ich habe Kuchen gebacken, geh und bringe Großmutter von dem Kuchen und auch eine Flasche Wein, und grüße sie recht schön von mir, und sei recht vorsichtig, daß du nicht fällst, und etwa die Flasche zerbrichst, sonst hätte die kranke Großmutter nichts. Laufe nicht im Walde herum, bleibe hübsch auf dem Wege, und bleibe auch nicht zu lange aus.“
„Das will ich alles so machen, wie du befiehlst, liebe Mutter“, antwortete Rotkäppchen, band ihr Schürzchen um, nahm einen leichten Korb, in den es die Flasche und den Kuchen von der Mutter legen ließ, und ging fröhlichen Schrittes in den Wald hinein. Wie es so völlig arglos dahin wandelte, kam ein Wolf daher. Das gute Kind kannte noch keine Wölfe und hatte keine Furcht. Als der Wolf näher kam, sagte er: „Guten Tag Rotkäppchen!“ – „Schönen Dank, Herr Graubart!“ – „Wo soll es denn hingehen so in aller Frühe, mein liebes Rotkäppchen?“ fragte der Wolf. „Zur alten Großmutter, die nicht wohl ist!“ antwortete Rotkäppchen. „Was willst du denn dort machen? du willst ihr wohl was bringen?“ – „Ei freilich, wir haben Kuchen gebacken, und Mutter hat mir auch Wein mitgegeben, den soll sie trinken, damit sie wieder stark wird.“
„Sage mir doch noch, mein liebes scharmantes Rotkäppchen, wo wohnt denn deine Großmutter? Ich möchte wohl einmal, wenn ich an ihrem Hause vorbeikomme, ihr meine Hochachtung an den Tag legen“, fragte der Wolf.
„Ei gar nicht weit von hier, ein Viertelstündchen, da steht ja das Häuschen gleich am Walde, Ihr müßt ja daran vorbeigekommen sein. Es stehen Eichenbäume dahinter, und im Gartenzaun wachsen Haselnüsse!“ plauderte das Rotkäppchen.
O du allerliebstes, appetitliches Haselnüßchen du – dachte bei sich der falsche böse Wolf. Dich muß ich knacken, das ist einmal ein süßer Kern. – Und tat als wolle er Rotkäppchen noch ein Stückchen begleiten, und sagte zu ihm: „Sieh nur, wie da drüben und dort drüben so schöne Blumen stehen, und horch nur, wie allerliebst die Vögel singen! Ja es ist sehr schön im Walde, sehr schön, und wachsen so gute Kräuter hierinne, Heilkräuter, mein liebes Rotkäppchen.“
„Ihr seid gewiß ein Doktor, werter grauer Herr?“ fragte Rotkäppchen: „weil Ihr die Heilkräuter kennt. Da könntet Ihr mir ja auch ein Heilkraut für meine kranke Großmutter zeigen!“
„Du bist ein ebenso gutes als kluges Kind!“ lobte der Wolf. „Ei freilich bin ich ein Doktor und kenne alle Kräuter, siehst du! hier steht gleich eins, der Wolfsbast, dort im Schatten wachsen die Wolfsbeeren, und hier am sonnigen Rain blüht die Wolfsmilch, dort drüben findet man die Wolfswurz.“ –
„Heißen denn alle Kräuter nach dem Wolf?“ fragte Rotkäppchen.
„Die besten, nur die besten, mein liebes, frommes Kind!“ sprach der Wolf mit rechtem Hohn. Denn alle die er genannt, waren Giftkräuter. Rotkäppchen aber wollte in ihrer Unschuld der Großmutter solche Kräuter als Heilkräuter pflücken und mitbringen, und der Wolf sagte:
„Lebewohl, mein gutes Rotkäppchen, ich habe mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen; ich habe Eile, muß eine alte schwache Kranke besuchen!“
Und damit eilte der Wolf von dannen, und spornstreichs nach dem Hause der Großmutter, während das Rotkäppchen sich schöne Waldblumen zum Strauße pflückte und die vermeintlichen Heilkräuter sammelte.
Als der Wolf an das Häuschen der Großmutter des Rotkäppchens kam, fand er es verschlossen, und klopfte an. Die Alte konnte nicht vom Bette aufstehen, und nachsehen, wer da sei, und rief: „Wer ist draußen?“
„Das Rotkäppchen!“ rief der Wolf mit verstellter Stimme. „Die Mutter schickt der guten Großmutter Wein und auch Kuchen! Wir haben gebacken!“
„Greife unten durch das Loch in der Türe, da liegt der Schlüssel!“ rief die Alte, und der Wolf tat also, öffnete die Türe, trat in das Häuschen, in das Stübchen, und verschlangdie Großmutter ohne weiteres – zog ihre Kleider an, legte sich in ihr Bett, und zog die Decke über sich her, und die Bettvorhänge zu. Nach einer Weile kam das Rotkäppchen; es war sehr verwundert, alles so offen zu finden, da doch sonst die Großmutter sich selbst gern unter Schloß und Riegel hielt, und wurd ihm schier bänglich um das junge Herzchen.
Wie das Rotkäppchen nun an das Bett trat, da lag die alte Großmutter, hatte eine große Schlafhaube auf, und war nur wenig von ihr zu sehen, und das wenige sah gar schrecklich aus. „Ach Großmutter, was hast du so große Ohren?“ rief das Rotkäppchen. – „Daß ich dich damit gut hören kann!“ war die Antwort. – „Ach Großmutter! Was hast du für große Augen!“ – „Daß ich dich damit gut sehen kann!“ – „Ei Großmutter, was hast du für haarige große Hände!“ – „Daß ich dich damit gut fassen und halten kann!“ – „Ach Großmutter, was hast du für ein so großes Maul und so lange Zähne!“ – „Daß ich dich damit gut fressen kann!“ Und damit fuhr der ganze Wolf grimmig aus dem Bette heraus, und fraß das arme Rotkäppchen. Weg warʼs.
Jetzt war der Wolf sehr satt, und es gefiel ihm sehr im Stübchen der Alten und in dem weichen Bett, und legte sich wieder hin und schlief ein und schnarchte daß es klang, als schnarre ein Räderwerk in einer Mühle.
Zufällig kam ein Jäger vorbei, der hörte das seltsame Geräusch, und dachte: Ei, ei, die arme alte Frau da drinnen hat einen bösen Schnarcher am Leib, sie röchelt wohl gar und liegt im Sterben! Du mußt hinein, und nachsehen, was mit ihr ist. – Gedacht, getan; der Jäger ging in das Häuschen, da fand er den Herrn Isegrimm im Bette der Alten liegen, und die Alte war nirgends zu erblicken. „Bist du da?“ sprach der Jäger, und riß die Kugelbüchse von der Schulter. „Komm du her, du bist mir oft genug entlaufen!“ – Schon legte er an – da fiel ihm ein: halt – die Alte ist nicht da, am Ende hat der Unhold sie mit Haut und Haar verschlungen, war ohnedies nur ein kleines dürres Weiblein. Und da schoß der Jäger nicht, sondern er zog seinen scharfen Hirschfänger und schlitzte ganz sanft dem fest schlafenden Wolf den Bauch auf, da guckte ein rotes Käppchen heraus, und unter dem Käppchen war ein Köpfchen, und da kam das niedliche allerliebste Rotkäppchen heraus, und sagte: „Guten Morgen! Ach was war das für ein dunkles Kämmerchen da drinnen!“ – Und hinter dem Rotkäppchen zappelte die alte Großmutter, die war auch noch lebendig, vielen Platz hatten sie aber nicht gehabt im Wolfsbauch. – Der Wolf schlief noch immer steinfest, und da nahmen sie Steine, gerade wie die alte Geiß im Märchen von den sieben Geißlein, füllten sie den Wolf in den Bauch und nähten den Ranzen zu, hernach versteckten sie sich, und der Jäger trat hinter einen Baum, zu sehen, was der Wolf endlich anfangen werde. Jetzt wachte der Wolf auf, machte sich aus dem Bett heraus, aus dem Stübchen, aus dem Häuschen, und humpelte zum Brunnen, denn er hatte großen Durst. Unterwegs sagte er: „Ich weiß gar nicht, ich weiß gar nicht, in meinem Bauch wackeltʼs hin und her, hin und her, wie Wackelstein – sollte das die Großmutter und Rotkäppchen sein?“ – Und wie er an den Brunnen kam und trinken wollte, da zogen ihn die Steine und er bekam das Übergewicht und fiel hinein und ertrank. So sparte der Jäger seine Kugel; er zog den Wolf aus dem Brunnen und zog ihm den Pelz ab, und alle drei, der Jäger, die Großmutter und das Rotkäppchen, tranken den Wein, und aßen den Kuchen, und waren seelenvergnügt, und die Großmutter wurde wieder frisch und gesund, und Rotkäppchen ging mit ihrem leeren Körbchen nach Hause, und dachte: du willst niemals wieder vom Wege ab und in den Wald gehen, wenn es dir die Mutter verboten hat.

Braune Märchen./ Von/ A. von Sternberg./ Bremen,/ Verlag von Franz Schlodmann./ 1850.
Rothkäppchen, S. 180-194.
Rothkäppchen.
In einem Dorfe lebte ein sehr hübsches junges Landmädchen, das seinen Eltern im Haushalt behülflich war. Eines Tages sagte die Mutter zu dem Mädchen: Liebes Kind, geh hinaus in den Wald und bring der Großmutter einen Pflaumenkuchen. Die alte Frau ißt so gern dergleichen. Aber haltʼ Dich nicht auf und sei bald wieder da, Du weißt, wir haben des Vaters feine Wäsche zu plätten, er will heut zum Pfarrer gehn, um über Deine noch bevorstehende Verlobung mit dem jungen Förstergehülfen zu sprechen. Das junge Mädchen wurde roth als es diese Worte hörte, allein, gehorsam ihrer Mutter, sagte sie nichts, sondern glättete ihr Haar, flocht sich zierliche Zöpfe und setzte dann ein kleines scharlachrothes Mützchen auf, das sie zu ihrem letztvergangenen funfzehnten Geburtstag erhalten hatte, und das ihr allerliebst kleidete. So ging sie denn in den Wald, am Arme ein Körbchen, in welchem der Pflaumenkuchen, sauber in eine Serviette gehüllt, ruhte. Man konnte nichts anmuthigeres sehen, als dieses hübsche, junge Kind wie sie in der Morgenfrische daherging und mit den Vögeln um die Wette ihr Liedchen sang.
Je näher sie dem Walde kam, desto schweigsamer wurde sie. Die hohen Fichtenbäume und die weitzweigigen Eichen und Ahorn verbreiteten einen dunkeln Schatten und ließen ein geheimnißvolles Rauschen vernehmen. Am Eingang des Waldes setzte sie sich auf einen Stein und ruhte aus.
Nun wohnte in diesem Walde ein mächtiger Zauberer, der den jungen Mädchen nachstellte, sich manchmal in einen Wolf oder gar in einen Bären verwandelte, um den armen Kindern Schrecken einzuflößen. Aber dies geschah nur den häßlichen Mädchen, den hübschen erschien er in sehr freundlichen Gestalten, beschenkte sie und gab ihnen sonst noch Zeichen seiner besondern Gunst. Als Rothkäppchen in den Wald kam, erfuhr es der Zauberer sehr bald, und nun kam er ihr entgegen als ein junger liebenswürdiger Kavalier, der wunderschöne schwarze funkelnde Augen hatte, und einen Schnurrbart, den man sich nicht zierlicher denken kann; dabei kleine feine weiße Hände und hübsche Füße.
Ah, guten Morgen, mein schönes Kind! rief er dem Mädchen entgegen, das von ihrem Size aufsprang und ihm eine tiefe Verbeugung machte, wobei es blutroth im Gesicht wurde.
Bleib sitzen, mein Engel! rief er. Vielleicht hat der Stein sogar Platz für zwei.
Ich glaube nicht, gnädiger Herr, er hat kaum Platz für mich.
Laß uns den Versuch machen.
Es geht wahrlich nicht. Ich werde fallen.
Ei, mein Kind, sagte der Kavalier lächelnd, wobei er die schönsten Zähne zeigte, die man sehen kann, und ich sollte den Vorwurf auf mich laden, Dich zu Fall gebracht zu haben! Das sei ferne. So werde ich vor Dir stehen bleiben.
Das würde sich nicht schicken, gnädiger Herr. Ich fitzend während Sie stehen! Wir wollen lieber zusammen weiter gehn.
Gut., Und wo gehst Du hin, Kleine?
Mein Herr, zu meiner Großmama.
Grüße sie von mir.
Von Ihnen?
Ja, von mir. Ist Dir das so auffallend? Ich kenne die ehrwürdige alte Dame sehr gut. Ich habe ihr mein Gesangbuch geliehen, wie sie das letzte Mal in die Kirche ging.
Ach, mein Herr, das ist unmöglich. Die Großmutter geht nie aus. Sie ist schon seit drei Jahren gelähmt.
Nun, liebes Kind, sagte ich denn, sie ging? Ich hätte sagen sollen, sie fuhr; und zwar in meiner Equipage.
Ach, ist es möglich! Davon hat sie mir doch nichts erzählt. Aber wollen Sie nicht meinen Arm loslassen, gnädiger Herr, ich kann sonst nicht den Korb und unter dem andern Arm die Weinflasche tragen. Eines von beiden müßte fallen.
Ich werde Dir die Weinflasche abnehmen.
Aber trinken Sieʼs nicht aus.
Nicht doch – ich habe selbst Wein im Keller.
Ich glaubʼs wohl. Wie konnte ich mir auch einbilden, daß Sie der alten Großmama den Wein austrinken würden. Das war eine einfältige Rede; Sie müssen mir verzeihn.
Recht gern, aber unter einer Bedingung.
Und die ist?
Daß Du mir einen Kuß giebst.
Ach, das würde sich schlecht schicken. Zudem bin ich verlobt, mein Herr, und darf außer meinem Vater, keinen andern Mann küssen, als meinen Bräutigam.
Aber den wirst Du küssen?
Gewiß, wenn er es verlangt. Aber, mein Herr , es ist unnöthig, daß Sie mich um den Leib fassen; ich kann schon gehn, ohne gestützt zu werden.
Du bist eine allerliebste kleine Unschuld.
Still! was machen Sie da! Das lieb ich nicht.
Es hatte sich eine Fliege auf Deinen Hals gesetzt.
Und Sie wollten sie mit dem Mund wegfangen?
Ist das die Manier wie man Fliegen fängt?
Es ist meine Manier. Wie Du hübsch roth geworden bist! Ich dachte Landmädchen erröthen nie. Ich will Dir das Tuch etwas freier knüpfen.
Sie! lassen Sie die Flasche Wein nicht fallen!
Nein! ich will sie auf den Boden setzen, während ich Dein Tuch losknüpfe. Sichst Du nun? merkst Du wie Du jetzt freier athmest?
Die Großmutter wird sagen, daß ich mich heut liederlich gekleidet habe.
Laß sie es sagen.
Du bist nie schöner gewesen als grade so. Oh, da ist wieder eine Fliege.
Halt! Sie haben mich in die Schulter gebissen! Pfui, gnädiger Herr , das ist ein häßliches Betragen. Und überhaupt, ich bin Ihre gehorsame Dienerin; ich will jetzt meinen Weg wieder allein fortsehen.
Wenn ich Dir weh gethan hab, so thutʼs mir in der Seele leid. (Er weint.)
Rothkäppchen (den Korb hinsehend , und den armen Herrn umarmend): O mein Himmelchen nein , weinen sollen Sie nicht! Wenn ich grob und böse gewesen bin nehmen Sieʼs nicht übel.
Nein , nein , ich schäme mich! Laß mich an Deinem Busen mein Gesicht verbergen. (Er sinkt ins Gras nieder, und zieht sie nach.)
So , nun das ist was Schönes! Da sitzen wir im Grase.
Ist es nicht lieblich hier? Die Baumgipfel säuseln über uns! Es ist im Walde so still , so heimlich.
So grauserlich! Kommen Sie, wir wollen wieder weiter gehn. Auf, auf! Soll ich Ihnen helfen aufstehn!
Ich kann vor Rührung noch immer nicht in die Höh sehn.
Ach , Sie liegen mir die ganze Brust platt.
Eine so runde Brust!
Es ist genug. Die Großmutter wartet auf ihren Kuchen. Wie, mein Herr! auf meinem Knie ist keine Fliege. Sie sollten sich schämen das Knie einer Bäuerin zu küssen.
Es ist das Knie einer Prinzessin.
Wir wollen aufstehn, mein Herr. Ich glaub, es giebt an dieser Stelle Ameisen.
Wie kämen die hieher?
O sehr natürlich. Der böse Zauberer, der diesen Wald bewohnt, sendet sie aus.
Hast Du diesen Zauberer schon einmal gefehn?
Nein, gnädigster Herr; und ich hab auch kein Verlangen ihn zu sehn. Es soll ein großer zottiger Riese sein, mit den Zähnen eines Ebers, und den Klauen eines Bären.
Reizende Unschuld!
Was sagten Sie?
Nichts! Ich möchte an Deiner Brust in Wonne vergehn. O welch ein Augenblick! Küsse mich – küsse mich! Meine Lippen lechzen sich mit den Deinigen zu vereinen. Mich ergreift eine wahre Wuth.
Ach, eine Ameise! eine Ameise! (Sie springt auf und läuft fort.)
Der Zauberer (ihr nachsehend): Da eilt sie hin! wie ein junges Reh, so leichtfüssig. Ein entzückendes Geschöpf! Frisch wie die Knospe im Thau. Die darf ich mir nicht entgehen lassen. In der Hütte der alten Großmama wollen wir uns wiedertreffen, Kleine. Mir entläufst Du nicht. In der unscheinbaren, tief im Walde versteckten Hütte! Wie anmuthig dort! Aber was mit der Alten beginnen? Wie entferne ich die? Ei – wozu viel grübeln! Ich freß die Alte auf. Als Wolf verwandelt, kann ich mit dem Bissen schon fertig werden.
Und diesen Plan eilte er sogleich auszuführen, ehe noch Rothkäppchen ihm den Vorsprung abgewinnen konnte.
In die Hütte der Alten trat er ein, und sagte: Bon jour, Madame!
Guten Abend, mein Herr! Was steht zu ihren Diensten?
Ich bitte, nehmen sie die Brille ab; so etwas liegt schwer im Magen. Auch den Schlüsselbund bitte ich bei Seite zu legen.
Weshalb?
Ich hab Ihnen schon bemerkt, daß Brille und Schlüsselbund Dinge sind, die schwer zu verdauen sind. Auch alles, was Sie an Nadeln am Körper haben, müssen Sie ablegen; dergleichen fährt auf gefährliche Weise in die Zähne. Das alte Leibchen von Flanell, die Pantoffeln von weichem Leder und das Florhäubchen – alles das kann mit auf den Kauf gehn.
Ich weiß nicht, mein Herr, wie ich Ihre Worte deuten soll. Ich bin eine alte Dame, die von ihren Renten lebt, und sich in der Einsamkeit nicht belästigt zu sehn wünscht.
O ich will Sie nicht weiter belästigen, Madame, – ich will Sie nur auffressen!
Ha! monstre! Ich werde meine Leute rufen.
Es ist Niemand da; und Rothkäppchen ist noch funfzig Schritte vom Hause entfernt.
Ungeheuer! zittre vor meinem Fluch!
Madame! Brille und Schlüsselbund herunter! Ihr letzter Augenblick ist gekommen!
Ich will Ihnen etwas sagen. Ich bin eine geborne Freiin von Mixpickel; zufällig hier an einen Förster verheirathet, der schon längst todt. Meine Verwandten sind sehr mächtig; es könnte Ihnen schlimm gehen, wenn Sie mir ein Leids anthäten.
Das sind himmelblaue Lügen.
Und dann will ich Ihnen noch etwas sagen. Ich hab in Papieren spekulirt und mir ein ganz artiges Vermögen erworben, das sollen Sie haben. Es liegt dort in der Kommode mit den Messingbeschlägen. (Bei Seite) Könnte ich nur aus der Hütte entrinnen, oder käme wenigstens das verwünschte Mädchen mir zu Hilfe.
In diesem Augenblick hörte man Rothkäppchens Stimme draußen rufen: Großmama! Großmama!
Da ist sie! rief die Alte erfreut. Der Zauberer sprang aber hin, und schob den Riegel vor die Thür. Alsdann verwandelte er sich in einen Wolf, stürzte auf die Alte hin, und verschlang sie.
Ha, welch ein Mord
In dem stillen Hause! –
Von dem Schmause
Trieft blutig die Zunge,
Da schnell im Sprunge,
Rafft alles er fort
Was an den Gräul kann mahnen.
Niemand soll ahnen
Was hier geschehn.
Die Fenster schließt er auf,
Damit Waldlüfte wehn;
Dann springt er im Lauf
Zu Kisten und Fächer,
Der arme Schächer,
Wirst die blutigen Lumpen
In einen Klumpen
Zusammengeschlagen
Zu Nachthäubchen und Kragen.
Es ist zum Entsetzen!
Dann eilt er zu netzen
Mit eaude mille fleurs
Das Bette, die Stühle,
Den Teppich umher.
Von dumpfiger Schwüle
Merkt Niemand was mehr;
Gemüthlich und rein
Ist wieder das Zimmerlein klein.
Er legt sich selbst, wieder zum jungen Mann verwandelt, mit einem Hemde und Nachtjäckchen der Alten bekleidet, und einem Häubchen auf dem Kopfe ins Bette, nachdem er vorher die Thür geöffnet hat. Als er Rothkäppchen kommen hört summte er das Lied vor sich hin:
Alte Damen Schmecken nicht übel,
Mit einer Sauce
Von Lattig und Zwiebel.
Doch muß Schlüssel und Brillen
Man ihnen nehmen
Sonst macht es im Magen
Ein häßliches Grämen.
Doch will ich nur sagen
Ich war zu rasch.
Sie bargʼ in ihrer Taschʼ
Noch einen Fingerhut,
Den habʼ ich verschluckt nun
Und das thut nicht gut.
Es läßt nicht ruhn
Ich muß mich wenden
Von einer Seite zur andern
Und möchte nach dem Doktor senden.
Indem trat Rothkäppchen ein.
Schönen guten Tag, Großmama!
Bon jour, ma petite! Küß mir die Hand.
Was sangst Du denn für ein Lied, Großmama, als ich hereintrat?
Hm, es wird wohl ein Lied aus dem Gesangbuch gewesen sein.
Es klang indeß ziemlich fremdartig. Und warum wälzt Du Dich im Bette herum, Großmama?
Warum? warum? alberne Frage; weil ich noch verdammt hitziges Geblüt habe.
Hier ist der Kuchen, den ich Dir mitgebracht.
Setz ihn vor die Thür. Ich mag keinen so ordinären Kuchen. Wennʼs nicht Pastete ist, esse ichʼs nicht.
Ei, Großmutter es war doch sonst Dein Leibgericht.
Den Wein gieb her; den will ich austrinken.
Was, Großmama! in einem Zuge hast Du die ganze Flasche geleert! Das ist noch nie dagewesen.
Das glaubʼ ich; eine alte Frau, wie ich bin, ist auch noch nie dagewesen. Komm, Kleine, setz Dich hier auf den Bettrand, und nun gieb mir einen Kuß.
Rothkäppchen (aufschreiend) Großmama! Du hast einen Bart!
Kind, Kind! redʼ nicht so einfältig. Das ist der Schatten, den meine Nase wirft. Aber was hast Du da an der Schulter? einen rothen Fleck! Ha! was ist das? Du hast doch nicht leichtfertige Bekanntschaften gemacht?
Gewiß nicht; wie käme ich dazu?
Ach thu nur nicht so. Wie pflegt denn ein junges Mädchen zu dergleichen zu kommen? Man geht durch den Wald, der Weg ist einsam, da kommt ein junger Herr, nimmt uns beim Kopf, küßt uns, wirft uns nieder – stehst Du so!
Und damit nahm der böse Zauberer das arme Kind warf sie zu sich ins Bette, und draußen säuselten die Waldbäume und die Vögel sangen.
Die Vögel sangen und die Waldbäume säufelten.
Nach der zweiten bösen That, die der Zauberer jetzt vollführt hatte, nahm er wieder seine Wolfgestalt an, und – es ist entsetzlich zu sagen – verschlang auch das arme Rothkäppchen.
Auf diese Weise, sagte er sehr selbstzufrieden zu sich, entgehe ich jeder lästigen Untersuchung, und mein kleines Abenteuer hinterläßt keine Spur.
Vornehme Herrn
Amüsiren sich gern
Doch wollen sie nicht
Daß die Leute davon sprechen
Sie zichen nicht ans Licht
Ihre kleinen Schwächen.
Als bestes Mittel
Das Geheimniß zu wahren,
Auf mein Wort
Thut sich erweisen
Die Geliebte sofort Aufzuspeisen.
Der Zauberer schlich sich jetzt als Wolf aus der Hütte. Er gedachte seinen Pallast rasch zu erreichen, allein die Strafe für seine Unthaten war noch rascher. Sie kam ihm dicht auf dem Fuße nach. Der junge Förster, Rothkäppchens Bräutigam, sah den Wolf schleichen, legte auf ihn an, tödtete ihn, und sah noch einen Zipfel von Rothkäppchens Halstuch aus seinem Maule hängen. Sogleich ward ein geschickter Arzt geholt, der auch etwas von der Zauberei verstand, der öffnete dem Wolf den Magen und brachte glücklich die Großmutter und Rothkäppchen lebend aus demselben hervor. Wer war glücklicher als der Förster und die beiden Geretteten. Der Wolf aber blieb todt und der Wald und die Umgegend waren somit von dem boshaften Zauberer befreit. Man sagt aber, daß die jungen Mädchen damit nicht zufrieden waren; sie hätten es lieber gesehen, wenn der Zauberer lebend geblieben wäre. Es gab sogar ein Lied unter ihnen, das so lautete
Junge Mädchen
Sind dazu geschaffen
Verspeist zu werden.
Ein recht hungriger Wolf
Ist ihnen das Liebste auf Erden.

Das Rothkäppchen. In: Neues Mährchenbuch für Knaben und Mädchen von Carl Perrault und Madame dʼAulnoy. Herausgegeben von Julius Grimm. Mit sechszehn schönen Bildern. Berlin, Verlag von Th. Grieben. O. J. (1852).
Das Rothkäppchen. Ein Mährchen, S. 6-8
Das Rothkäppchen.
–––––
Es war einmal ein kleines Dorfmädchen, das war so niedlich, als man nur je eins sehen konnte; seine Mutter war ganz entzückt von dem Kinde und seine Großmutter war es noch viel mehr. Diese gute Frau ließ ihm ein rothes Käppchen machen und das stand ihm so gut, daß man es überall das kleine Rothkäppchen nannte.
Eines Tages hatte seine Mutter Brodkuchen gebacken und sagte zu ihm: Geh doch zu deiner Großmutter und sieh, wie sie sich befindet, denn ich habe gehört, daß sie krank sei; bringe ihr einen Brodkuchen und dieses Töpfchen Butter. Rothkäppchen ging sogleich fort zu ihrer Großmutter, die in einem andern Dorfe wohnte. Als sie durch ein Gehölz kam, begegnete ihr der Gevatter Wolf welcher große Lust hatte, sie zu fressen; aber er wagte es nicht, weil mehre Holzhauer im Walde waren. Er fragte sie, wohin sie ginge. Das arme Kind, welches nicht wußte, daß es gefährlich sei, still zu stehen und einen Wolf anzuhören, sagte zu ihm: „Ich gehe zu meiner Großmutter und trage ihr einen Brodkuchen und einen Topf mit Butter hin, welche meine Mutter ihr schickt.“
„Wohnt sie sehr weit?“ fragte der Wolf.
„O! ja, „sagte Rothkäppchen; „sie wohnt jenseit der kleinen Mühle, die du dort ganz unten siehst, im ersten Hause des Dorfes.“
„Nun wohl,“ entgegnete der Wolf, „ich will auch zu ihr gehen; ich werde diesen Weg nehmen, nimm du jenen und wir wollen sehen, wer zuerst da sein wird.“
Der Wolf fing an aus allen Kräften auf dem Wege zu laufen, der der kürzeste war, und das kleine Mädchen ging auf dem längsten Wege fort, und belustigte sich damit, Haselnüsse zu pflücken, Schmetterlinge zu haschen und Sträuße zu winden von kleinen Blumen, die sie fand. Der Wolf kam bald bei dem Hause der Großmutter an; er klopft an: bum, bum.
„Wer ist da?“
„Deine Tochter, das Rothkäppchen,“ sagte der Wolf, indem er ihre Stimme nachahmte; ich bringe dir einen Brodkuchen und ein Töpfchen Butter, welches meine Mutter dir schickt.“
Die gute Großmutter, welche im Bette lag, weil sie etwas unwohl war, rief ihm zu: „Ziehe an dem Pflöckchen, so wird das Schloß aufspringen.“
Der Wolf zog an dem Pflock und die Thür ging auf. Er warf sich auf die gute Frau und verschlang sie mit einem Ruck, denn er hatte länger als drei Tage nichts gegessen. Dann klinkte er die Thür zu und legte sich in das Bett der Großmutter und wartete auf Rothkäppchen, die einige Zeit nachher an die Thür klopfte: Bum, bum.
„Wer ist da?“
Rothkäppchen, welches die grobe Stimme des Wolfs hörte, hatte zuerst Furcht, aber da es glaubte, daß seine Großmutter den Schnupfen hätte, antwortete es: „Es ist Deine Tochter, das Rothkäppchen; sie bringt Dir einen Brodkuchen und ein Töpfchen Butter, den die Mutter Dir schickt.“
Der Wolf rief ihr zu, indem er seine Stimme ein bischen besänftigte: „Ziehe an dem Pflöckchen, so wird das Schloß aufgehen.“
Rothkäppchen zog an dem Pflock und die Thür ging auf. Als der Wolf sie eintreten sah, sagte er zu ihr, indem er sich unter dem Deckbett versteckte: „Lege den Brodkuchen und das Töpfchen Butter auf den Backtrog und komm zu mir inʼs Bett.“
Rothkäppchen zog sich aus und legte sich inʼs Bett, wo es sehr erstaunt über das Aussehen seiner Großmutter war, als es diese ausgezogen sah. Es sagte zu ihr: „Liebe Großmutter, was hast Du für lange Arme!“
„Weil ich Dich besser damit umarmen kann, meine Tochter.“
„Großmutter, was hast Du für große Beine!“
„Weil ich besser damit laufen kann, mein Kind.“
„Großmutter, was hast Du für große Ohren!“
„Weil ich besser damit hören kann, mein Kind. „
„Großmutter, was hast Du für große Augen!“
„Weil ich besser damit sehen kann, mein Kind.“
„Großmutter, was hast Du für große Zähne!“
„Um Dich damit zu fressen.“ Und indem er diese Worte sagte, warf sich der böse Wolf auf Rothkäppchen und fraß es auf.
Moral.
Man warnt hiermit die kleinen Kinder,
Und junge Mädchen auch nicht minder,
Wenn sie schön und reizend sind,
Nicht zu glauben so geschwind,
Was so ein Wolf von böser Art
Ihnen flüstert sanft und zart;
Denn es giebt der Wölfe viel,
Die nur treiben böses Spiel
Und die Kinder gern verderben,
Die dann ohne Rettung sterben.

Märchen/ nach/ Perrault, neu erzählt von Moritz Hartmann./ Ill. Von/ Gustav Doré./ Dritte Auflage./ Stuttgart./ Druck und Verlag von Eduard Hallberger. (1872)
Das Rothkäppchen, S. 2-5.
Das Rotkäppchen
Es war einmal ein kleines Mädchen, ein herziges Ding, das alle Welt liebhatte. Am liebsten hatte es die Großmutter, die kaufte ihm ein Mäntelchen mit einer roten Kapuze daran, und danach hieß es Rotkäppchen. Eines Tages, da die Mutter Kuchen gebacken, sagte sie zu Rotkäppchen: „Rotkäppchen, die Großmama ist krank, geh hin und erkundige dich, wie es ihr geht, und bringe ihr hier von den schönen Kuchen, solange sie noch frisch sind, und etwas Wein und Butter dazu und allerlei gute Sachen, die ich in das Körbchen packe.“
Rotkäppchen ging immer gerne zur Großmutter, obwohl es ein langer Weg war, denn man weiß es ja, wie die Großmütter die Enkelchen lieben, und das Enkelchen möcht ich sehen, das nicht auch die Großmutter liebhätte.
Ehe es ging, sagte noch die Mutter: „Kind, Kind, gehe immer geradeaus, sieh nicht rechts, nicht links, und lasse dich durch niemanden vom geraden Weg ablocken!“
So ungefähr sagen ja die Mütter immer, wenn die Töchter hinausgehen. Manchmal nützt es, öfter auch nicht, denn die besten Reden sind ja aus Luft gemacht.
Wie Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihr der Gevatter Wolf. Sie hatte keine Angst, denn sie war ein unschuldiges Ding, das noch nicht wußte, was ein Wolf ist. Er aber verstand sich ganz wohl auf einen guten Bissen, und er hätte sie am liebsten gleich aufgefressen, wenn nicht Leute in der Nähe gewesen wären, die er fürchtete. Da machte er sich so an sie, wie man zu tun pflegt, mit gleichgültigen und freundlichen Reden.
„Guten Morgen, Rotkäppchen! Wohin des Weges?“
„Danke schönstens! Ich gehe zur Großmutter, die ist krank, und ich bringe ihr frischgebackene Kuchen von meiner Mutter und Butter und Wein und allerlei gute Sachen.“
„Wohnt sie weit von hier, deine Großmutter?“
„O ja, recht weit, hinter dem Walde, an der Mühle vorbei, im ersten Hause vor dem Dorfe.“
„Nun, da sie krank ist“, sagte der Wolf und legte fromm die beiden Vordertatzen ineinander, „nun, da sie krank ist, will ich sie auch besuchen. Ich mache gerne Krankenbesuche, tröste die Leidenden und spreche ihnen von Gottes Wort. Gehe du nur geradeaus, liebes Rotkäppchen, sieh nicht rechts, nicht links und lasse dich durch niemand vom geraden Weg ablocken. Ich will nur noch einen Krankenbesuch machen, dann komme ich dir nach.“
Der gute Wolf, dachte Rotkäppchen, er spricht gerade wie meine Mutter. Aber wieviel muß er zu tun haben, wenn er alle Leidenden trösten will. Es gibt doch recht gute Seelen! Und wie er sich beeilt, um Gutes zu tun! Läuft er doch, als könnte er es nicht erwarten. Während sie so dachte, lief der Wolf in der Tat, was er laufen konnte, aber nur um Rotkäppchen einen Vorsprung abzugewinnen und vor ihr bei der Großmutter anzukommen.
Rotkäppchen sah viele schöne Blumen im Walde stehen, die pflückte sie und steckte sie in die Butter und in die Kuchen. Dann wand sie Kränzchen und schlang sie um die Flasche, um alles recht schön aufzuputzen. Dann guckte sie manchem Vöglein ins Nest und wunderte sich, wie die Jungen die gelben Schnäbel so weit aufmachten. Sie brach kleine Kuchenstücke ab und steckte sie ihnen hinein.
So, dachte sie, tue ich auch etwas Gutes, denn die Vöglein sind gewiß hungrig. Wein darf ich ihnen nicht geben, ich bekomme ja auch keinen, denn er ist nicht für die Jugend.
Der Wolf hatte indessen seine Zeit nicht verloren mit Blumenpflücken, Kränzleinwinden, Nestleingucken – denn die Bosheit eilt, als gingʼs ins Paradies – und war vor dem Hause der Großmutter angekommen und klopfte an die Türe: Top! Top!
„Wer ist draußen?“ fragte die Großmutter mit ihrer schwachen Stimme.
„Ich bin es, das Rotkäppchen. Ich bringe dir Wein und Kuchen und allerlei gute Sachen.“
„Drücke die Klinke, und sie wird springen!“
Der Wolf drückte die Klinke, und sie sprang, und er warf sich auf die arme Großmutter und verschlang sie in einer Minute, als wäre es nichts. Dann tat er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, zog sie tief ins Gesicht, schloß die Türe, legte sich in das warme Bett und wartete.
Hat schon die alte magere Großmutter gut geschmeckt, dachte er, wie wird erst das appetitliche Rotkäppchen schmecken. Ich sehne mich nach ihr, ich liebe sie zum Fressen.
Rotkäppchen ließ nicht lange auf sich warten. Top! Top!
„Wer ist draußen?“ fragte der Wolf und gab sich alle Mühe, die Stimme der Großmutter nachzuahmen.
„Ich bin es, das Rotkäppchen. Ich bringe dir Wein und Kuchen und allerlei gute Sachen und viele Blumen.“
„Drücke die Klinke, und sie wird springen!“
Rotkäppchen drückte die Klinke und trat ein. Die Stimme der Großmutter klang ihr etwas verdächtig, und in der Stube war eine sonderbare Luft, fast wie in einer Menagerie. Es wurde ihr eigentümlich zumute. Ahnung nennt man das, und wie es heißt, empfindet das jeder, der gefressen werden soll. Sie wußte gar nicht, was tun und sagen, und sah sich ganz ängstlich in der Stube um. Der Wolf zog die Decke übers halbe Gesicht, und anstatt sie gleich zu fressen wie die Großmutter, sagte der alte Sünder mit verstellter Stimme: „Mein liebes Rotkäppchen, stelle die Sachen hin, kleide dich aus und lege dich zu mir ins Bett.“
Zitternd gehorchte das Rotkäppchen, kleidete sich aus und legte sich ins Bett zu dem alten Sünder. Ach, dachte sie, es ist mir, als hätte ich unrecht getan, daß ich der Mutter nicht gehorchte und daß ich nicht den geraden Weg gegangen bin. Und wie sie die Decke aufhob, war sie erstaunt über das Aussehen der Großmutter.
„Aber Großmutter, was hast du für lange Arme?“
„Daß ich dich besser umarmen kann.“
„Aber Großmutter, was hast du für lange Ohren?“
„Daß ich dich besser hören kann.“
„Aber Großmutter, was hast du für große Augen?“
„Daß ich dich besser sehen kann.“
„Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzliches Maul?“
„Daß ich dich besser fressen kann.“
Und wie er das sagte, fraß er sie auf.
Aber das wäre eine ganz traurige Geschichte, wenn sie so enden sollte, und da gäbe es ja gar keine Gerechtigkeit auf Erden, wenn die Wölfe die Rotkäppchen so ungestraft fressen könnten. Gerechtigkeit muß sein. Und so war es. Der Wolf schlief ein, als hätte er das beste Gewissen, denn sein Grundsatz war:
Ein guter Bissen
ist das beste Ruhekissen –
und schnarchte, daß der Wald davon widerhallte. Dieses Schnarchen war sein Verderben. Der Jäger hörte es und kam herbei, ohne zu wissen, daß er in diesem Moment die göttliche Gerechtigkeit vorstellte, wie es überhaupt wenige Menschen wissen, was sie vorstellen. Erst glaubte er, es sei die alte Frau, die so schnarchte. Wie er aber sah, daß es der Wolf war, sagte er sich gleich, daß er gewiß etwas im Leibe habe, zog leise sein großes Messer hervor und schnitt ihm den Bauch auf. Da sprang nicht nur das Rotkäppchen, sondern auch die Großmutter heraus.
Der Wolf, dem nichts so unangenehm war wie ein leerer Bauch, erwachte und machte große Augen, als er die Großmutter und Rotkäppchen vor sich stehen sah. Er war sehr empört, daß man es wagte, ihm wieder zu nehmen, worauf er sich mit seinen Zähnen ein Recht erworben. Er wollte eben seine Stimme erheben, um sich zu widersetzen und sein Recht zu wahren, als ihn der Jäger niederschoß. „Denn“, sagte der Jäger, „das Laster muß am Ende bestraft werden, anders geht es nicht.“
Rotkäppchen aber wich nie wieder vom geraden Wege ab, und der Großmutter hatten der heilsame Schreck und der Aufenthalt im warmen Leibe des Wolfes sehr gut getan, daß sie nie wieder den Schnupfen bekam. So wurde beiderseitig die Unschuld gerettet. Damit aber auch die Tugend belohnt wurde, trank der Jäger allen Wein aus, den Rotkäppchen mitgebracht hatte.