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Die redaktionelle Bearbeitung durch Wilhelm Grimm

 

Die beiden Brüder arbeiteten gemeinsam an der Erstausgabe dessen, was sie Kinder- und Hausmärchen nannten, und es gibt keinen Unterschied in der redaktionellen Praxis oder im Stil zwischen ihnen. Sie fügten auch einige Seiten mit Anmerkungen in dieser Erstausgabe bei. Unter den englischen Lesern ist jedoch wenig bekannt, dass die Grimms sechs weitere Auflagen der Märchen herausbrachten – die zweite 1819/22, die dritte 1837, die vierte 1840, die fünfte 1843, die sechste 1850 und die siebente 1857. Jede dieser Editionen unterscheidet sich von den anderen. Die größte Änderung fand zwischen der ersten und der zweiten Auflage statt, als eine große Anzahl von Erzählungen gestrichen, andere hinzugefügt und erhebliche stilistische und sprachliche Änderungen vorgenommen wurden. Wilhelm Grimm, der für die späteren Ausgaben allein verantwortlich war, nahm bis zum Schluss immer wieder Änderungen, Ergänzungen, Kürzung und Verbesserungen an der Sammlung vor.

David Blamires: Telling Tales. The Impact of Germany on English Children’s Books 1780-1918. https://books.openedition.org/obp/609

 

Erste Auflage. Berlin 1812/ 1815.

(Rotkäppchen immer im 1. Band.)

 

Kinder- und Haus-Märchen / gesammelt durch die Brüder Grimm. Große Ausgabe. 2. Band. Berlin: Realschulbuchhandlung 1815.

Der zweite Band wurde erst drei Jahre später publiziert. Im Vorwort wird auch auf die sogenannte „Märchenfrau“ Dorothea Viehmann (1755–1850) hingewiesen, die eine der wichtigsten Beiträgerinnen der Märchensammlung war: „Sie bewahrt diese alten Sagen fest in dem Gedächtniß, welche Gabe, wie sie sagt, nicht jedem verliehen sey und mancher gar nichts behalten könne; dabei erzählt sie bedächtig, sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man will, noch einmal langsam, so daß man ihr mir einiger Uebung nachschreiben kann.“

 

Zweyte vermehrte und verbesserte Auflage. Berlin 1919.

 

 

Kinder- und Haus-Märchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Große Ausgabe, 2., vermehrte und verbesserte Aufl. Erster Band. Berlin: Reimer 1819.

Der dritte Band der Großen Ausgabe erschien erstmals 1822. Er enthält Anmerkungen zu den einzelnen Märchen und gibt Auskunft über die mündlichen und schriftlichen Quellen der Texte.

 

 

 

Die Titelillustrationen zum ersten und zweiten Band der zweiten Auflage schuf der Maler und Kupferstecher Ludwig Emil Grimm (1790–1763), der jüngere Bruder von Jacob und Wilhelm. Sie zeigen das Porträt von Dorothea Viehmann (allerdings noch ohne die Unterschrift „Märchenfrau“) und eine Abbildung zu Brüderchen und Schwesterchen. 

 

Dritte vermehrte und verbesserte Auflage. Göttingen 1837.

Mit der dritten Auflage fand ein bedeutsamer Verlegerwechsel statt, die Große Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen wurde von nun an bei Dieterich in Göttingen publiziert. Die Auseinandersetzungen um fehlende Honorare und die schleppenden Verhandlungen um Neuauflagen hatten Jacob und Wilhelm Grimm zu diesem Schritt veranlasst. (Die Kleine Ausgabe erschien weiterhin bei Reimer.) 1856, fast zwanzig Jahre nach den beiden ersten Teilen, wurde auch der dritte Band mit den Kommentaren zu den Märchen in einer überarbeiteten Fassung erneut veröffentlicht.

 

Vierte vermehrte und verbesserte Auflage. Göttingen 1840.

Anfang der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts erreichte die Popularität der Kinder- und Hausmärchen ihren ersten Höhepunkt. Die Auflagen der Großen Ausgabe wurden nun in kürzeren zeitlichen Abständen geduckt. Die vierte Auflage war drei Jahre später vergriffen und wurde durch eine fünfte stark vermehrte Auflage ersetzt. 

 

Fünfte, stark vermehrte und verbesserte Auflage. Göttingen 1843.

Die fünfte Auflage erschien bereits während der Berliner Lebensjahre der Brüder Grimm. Die Widmung an Bettina von Arnim – nach den Widmungen in der ersten und der dritten Auflage bereits die dritte Würdigung der engen Vertrauten von Jacob und Wilhelm Grimm – nimmt auf den neuen Wohnort Bezug: „Diesmal kann ich Ihnen, liebe Bettine, das Buch, das sonst aus der Ferne kam, selbst in die Hand geben. Sie haben uns ein Haus außerhalb der Mauern ausgesucht, wo am Rande des Waldes eine neue Stadt heranwächst, von den Bäumen geschützt, von grünendem Rasen, Rosenhügeln und Blumengewinden umgeben, von dem rasselnden Lärm noch nicht erreicht.“

 

Sechste vermehrte und verbesserte Auflage. Göttingen 1850.

 

Siebente Auflage. Göttingen 1857. (Ausgabe letzter Hand)

 

Die siebente Auflage, die „Ausgabe letzter Hand“, ist die letzte zu Lebzeiten der Brüder Grimm erschienene Edition. Die Sammlung enthält 200 Märchen, beginnend mit Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, und sieben Kinderlegenden.

In der Ausgabe „letzter Hand“ von 1857, bis zu der vermutlich von Wilhelm noch einige andere Textstellen redigiert worden sind, streichen die Brüder eine früher hinzugefügte Wendung, dass dem Wolf beim Anblick des Rotkäppchens „das Maul wässerte“. Der damalige Zeitgeschmack schien eine derartige Offenbarung von Gier nicht zulassen zu wollen und die Brüder Grimm fühlten sich dazu berufen, das Rotkäppchenmärchen zu reinigen, um eine romantische Volks- und Urtümlichkeit zu bewahren. Eine perraultsche Freizügigkeit und Offenheit gegenüber sexuellen Begegnungen waren zu Zeiten der Grimms verpönt. Sie arbeiteten es „[…] im Zuge des bürgerlichen Sozialisationsprozesses des 19. Jahrhunderts […]“ um, damit es „[…] den Idealen des aufsteigenden Biedermeier und der Viktorianischen Epoche von einem kleinen Mädchen und von Wohlverhalten überhaupt [entsprach].“ (Zipes 1982, S. 34).  Wie bei Perrault bleibt auch bei Grimm die Pädagogisierung und der „Zeigefingerzeig“122 bestehen und die bürgerlichen Erwartungen von Kindheit und Kindererziehung, nämlich Gehorsam und gute Manieren, die schon der Franzose verarbeitete, fließen hier mit ein. Die Mutter formuliert zu Anfang ein eindeutiges Verbot und das Rotkäppchen gibt im Gegenzug das Versprechen, zu gehorchen. Dieses Versprechen jedoch wird gebrochen und Rotkäppchen hält sich nicht an die erzieherische Vorschrift. Daher muss Strafe erfolgen. Doch ist das Grimm’sche Märchen nicht mehr ausschließlich eine moralische Warngeschichte, die wie bei Perrault und Tieck mit dem unausweichlichen Tod endet: Es ist vielmehr ein Prozess – ein Prozess, der eine Bedrohung beinhaltet, ein Unterliegen, aber auch die Rettung durch gutwillige Helfer. Das Gute siegt über das Böse. So lautet eines der Merkmale, die der Märcheninterpret Max Lüthi (1909-1991) ca. hundert Jahre nach dem Erscheinen der KHM durch Vergleiche vieler europäischer Volksmärchen aufgestellt und mit deren Hilfe er sie charakterisiert hat: „In diesem Schema, hinter dem das allgemein menschliche Erwartung/Erfüllung steht, ist der gute Ausgang, den man als Charakteristikum des Märchen zu nennen pflegt, eingeschlossen.“ (Max Lüthi: Märchen. Stuttgart 1976, in: Schödel, Siegfried: Arbeitstexte für den Unterricht. Märchenanalysen. Stuttgart 1977)

Franziska Beermann: Ludwig Tiecks Leben und Tod des kleinen Rotkäppchen, Eine Tragödie im Verhältnis zur Märchentradition. Universität Osnabrück, Bachelor-Arbeit vorgelegt im Rahmen der Bachelor-Prüfung für den Studiengang Bachelor BEU im Teilstudiengang Germanistik, S. 38f.

 

 

Paralleldruck der 2. und der 5. Auflage

 

 

 

 

 

Rothkäppchen.

 

Rothkäppchen.

 

 

Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. 2. Auflage 1819, Berlin: G. Reimer, Band 1, S. 136-140.

Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. 7. Auflage 1857. Göttingen: Verlag der Dieterichschen Buchhandlung, Band 1, S. 140-144.

 

Es war einmal eine kleine süße Dirn, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht, was sie alles dem Kind geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rothem Sammet, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rothkäppchen; da sagte einmal seine Mutter zu ihm: „komm, Rothkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, die bring der Großmutter hinaus, weil sie krank und schwach ist, wird sie sich daran laben; sey aber hübsch artig und grüß sie von mir, geh auch ordentlich und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du, und zerbrichst das Glas, dann hat die kranke Großmutter nichts.“

Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rothem Sammet, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rothkäppchen. Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm „komm, Rothkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf bevor es heiß wird, und wenn du hinaus kommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht guten Morgen zu sagen und guck nicht erst in alle Ecken herum.“

 

Rothkäppchen sagte: „ja ich will alles recht gut ausrichten“ und versprachs der Mutter in die Hand. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rothkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf, Rothkäppchen aber wußte nicht, was er für ein böses Thier war und fürchtete sich nicht vor ihm. „Guten Tag, Rothkäppchen,“ sprach er – „Schönen Dank, Wolf.“ – „Wo willst du so früh hinaus, Rothkäppchen,“ – „zur Großmutter.“ – Was trägst du unter der Schürze? – „Kuchen und Wein, für die kranke und schwache Großmutter; gestern haben wir gebacken, da soll sie sich stärken.“ – „Rothkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“ – „Noch eine gute Viertelstunde im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen,“ sagte Rothkäppchen. Der Wolf dachte bei sich, das junge, zarte Mädchen, das ist ein guter, fetter Bissen für dich, wie fängst du’s an, daß du den kriegst. Da ging er ein Weilchen neben Rothkäppchen her, dann sprach er: Rothkäppchen, sieh’ einmal die schönen Blumen, die im Walde stehen, warum guckst du nicht um dich; ich glaube, du hörst gar nicht darauf, wie die Vöglein so lieblich singen? du gehst ja für dich hin als wie zur Schule und ist so lustig haußen in dem Wald.“

„Ich will schon alles gut machen“ sagte Rothkäppchen zur Mutter, und gab ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rothkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf. Rothkäppchen aber wußte nicht was das für ein böses Thier war und fürchtete sich nicht vor ihm. „Guten Tag, Rothkäppchen,“ sprach er. „Schönen Dank, Wolf.“ „Wo hinaus so früh, Rothkäppchen?“ „Zur Großmutter.“ „Was trägst du unter der Schürze?“ „Kuchen und Wein: gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke und schwache Großmutter etwas zu gut thun, und sich damit stärken.“ „Rothkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“ „Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen“ sagte Rothkäppchen. Der Wolf dachte bei sich „das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte: du mußt es listig anfangen, damit du beide erschnappst.“ Da gieng er ein Weilchen neben Rothkäppchen her, dann sprach er „Rothkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die rings umher stehen, warum guckst du dich nicht um? ich glaube du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? du gehst ja für dich hin als wenn du zur Schule giengst, und ist so lustig haußen in dem Wald.“

 

Rothkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah, wie die Sonne durch die Bäume hin und her sprang und alles voll schöner Blumen stand, dachte es: ei! wenn ich der Großmutter einen Strauß mitbringe, der wird ihr auch lieb seyn; es ist noch früh, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme, und sprang in den Wald und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meint es, dort stünd noch eine schönere und lief darnach und lief immer weiter in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradeswegs nach dem Haus der Großmutter und klopfte an die Thüre. „Wer ist draußen“ – „das Rothkäppchen, ich bring dir Kuchen und Wein, mach mir auf.“ – „Drück nur auf die Klinke, rief die Großmutter, ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“ Der Wolf drückte an der Klinke, und er trat hinein ohne ein Wort zu sprechen, geradezu an das Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann nahm er ihre Kleider, that sie an, setzte sich ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Rothkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten, und alles voll schöner Blumen stand, dachte es „wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,“ lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es weiter hinaus stände eine schönere, und lief darnach, und gerieth immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber gieng geradeswegs nach dem Haus der Großmutter, und klopfte an die Thüre. „Wer ist draußen?“ „Rothkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.“ „Drück nur auf die Klinke,“ rief die Großmutter, „ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“ Der Wolf drückte auf die Klinke, die Thüre sprang auf und er gieng, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann that er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

 

Rothkäppchen aber war herum gelaufen nach Blumen, und als es so viel hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein und es machte sich auf den Weg zu ihr. Wie es ankam, stand die Thüre auf, darüber verwunderte es sich, und wie es in die Stube kam, sahs so seltsam darin aus, daß es dacht: ei! du mein Gott, wie ängstlich wird mirs heut zu Muth, und bin sonst so gern bei der Großmutter. Drauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück, da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. „Ei Großmutter, was hast du für große Ohren!“ – „daß ich dich besser hören kann.“ – „Ei Großmutter, was hast du für große Augen!“ – „daß ich dich besser sehen kann.“ – „Ei Großmutter was hast du für große Hände!“ – „daß ich dich besser packen kann.“ – „Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ – „daß ich dich besser fressen kann.“ Und wie der Wolf das gesagt hatte, sprang er aus dem Bett und auf das arme Rothkäppchen, und verschlang es.

Rothkäppchen aber war nach den Blumen herum gelaufen, und als es so viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich daß die Thüre aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, daß es dachte „ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mirs heute zu Muth, und bin sonst so gerne bei der Großmutter!“ Es rief „guten Morgen,“ bekam aber keine Antwort. Darauf gieng es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag die Großmutter, und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. „Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“ „Daß ich dich besser hören kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“ „Daß ich dich besser sehen kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“ „Daß ich dich besser packen kann.“ „Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ „Daß ich dich besser fressen kann.“ Kaum hatte der Wolf das gesagt, so that er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rothkäppchen.

 

Wie der Wolf den fetten Bissen im Leib hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging eben vorbei und dachte bei sich: wie kann die alte Frau so schnarchen, du mußt einmal nachsehen ob ihr etwas fehlt. Da trat er in die Stube, und wie er vors Bett kam, so lag der Wolf darin, den er lange gesucht hatte. Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, vielleicht hat er die Großmutter gefressen und ich kann sie noch erretten und schoß nicht, sondern nahm eine Scheere und schnitt dem schlafenden Wolf den Bauch auf. Wie er ein paar Schnitte gethan, da sah er das rothe Käppchen leuchten, und wie er noch ein wenig geschnitten, da sprang das Mädchen heraus und rief: „ach wie war ich erschrocken, was wars so dunkel in dem Wolf seinem Leib!“ und dann kam die Großmutter auch lebendig heraus. Rothkäppchen aber holte große schwere Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich todt fiel.

 

Da waren alle drei vergnügt, der Jäger nahm den Pelz vom Wolf, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rothkäppchen gebracht hatte, und Rothkäppchen dachte bei sich: du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Weg ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.

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Wie der Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fieng an überlaut zu schnarchen. Der Jäger gieng eben an dem Haus vorbei und dachte „wie die alte Frau schnarcht, du mußt doch sehen ob ihr etwas fehlt.“ Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bette kam, so sah er daß der Wolf darin lag. „Finde ich dich hier, du alter Sünder,“ sagte er, „ich habe dich lange gesucht.“ Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben, und sie wäre noch zu retten: schoß nicht, sondern nahm eine Scheere und fieng an dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte gethan hatte, da sah er das rothe Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief „ach, wie war ich erschrocken, wie wars so dunkel in dem Wolf seinem Leib!“ Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum athmen. Rothkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich todt fiel.

Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und gieng damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein den Rothkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rothkäppchen aber dachte „du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.“

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Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rothkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Weg ableiten wollen. Rothkäppchen aber hütete sich und ging gerad fort ihres Wegs, und sagte der Großmutter, daß sie den Wolf gesehen, daß er ihm guten Tag gewünscht aber so bös aus den Augen geguckt; „wenns nicht auf offner Straße gewesen, er hätt mich gefressen.“ – „Komm, sagte die Großmutter, wir wollen die Thüre verschließen, daß er nicht herein kann.“ Bald darnach klopfte der Wolf an und rief: „mach auf, Großmutter, ich bin das Rothkäppchen, ich bring dir Gebackenes.“ Sie schwiegen aber still und machten die Thüre nicht auf, da ging der Böse etlichemal um das Haus und sprang endlich aufs Dach, und wollte warten bis Rothkäppchen Abends nach Haus ging, dann wollt’ er ihm nachschleichen und wollts in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind: „hol’ den Eimer, Rothkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.“ Rothkäppchen trug so lange bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte, und anfing zu rutschen; so rutschte er vom Dach herab und gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rothkäppchen aber ging fröhlich nach Haus und that ihm niemand etwas zu Leid.

Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rothkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rothkäppchen aber hütete sich und gieng gerade fort seines Wegs und sagte der Großmutter daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: „wenns nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.“ „Komm,“ sagte die Großmutter, „wir wollen die Thüre verschließen, daß er nicht herein kann.“ Bald darnach klopfte der Wolf an und rief „mach auf, Großmutter, ich bin das Rothkäppchen, ich bring dir Gebackenes.“ Sie schwiegen aber still und machten die Thüre nicht auf: da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten bis Rothkäppchen Abends nach Haus gienge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollts in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte was er im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind „nimm den Eimer, Rothkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.“ Rothkäppchen trug so lange, bis der große große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte, und anfieng zu rutschen: so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rothkäppchen aber gieng fröhlich nach Haus, und that ihm niemand etwas zu Leid.

 

 

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