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Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen (KMH) 26

 

Rothkäppchen.

 

Es war einmal eine kleine süße Dirn, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht, was sie alles dem Kind geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rothem Sammet, und weil ihm das so wohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rothkäppchen; da sagte einmal seine Mutter zu ihm: „komm, Rothkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und ein Bouteille mit Wein, die bring der Großmutter hinaus, sie ist krank und schwach, da wird sie sich daran laben; sey hübsch artig und grüß sie von mir, geh auch ordentlich und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du, und zerbrichst das Glas, dann hat die kranke Großmutter nichts.“

Rothkäppchen versprach der Mutter recht gehorsam zu seyn. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rothkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm der Wolf, Rothkäppchen aber wußte nicht, was das für ein böses Thier war, und fürchtete sich nicht vor ihm. „Guten Tag, Rothkäppchen.“ – „Schön Dank, Wolf!“ – „Wo willst du so früh hinaus, Rothkäppchen,“ – „zur Großmutter.“ – Was trägst du unter der Schürze? – „die Großmutter ist krank und schwach, da bring ich ihr Kuchen und Wein, gestern haben wir gebacken, da soll sie sich stärken.“ – „Rothkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“ – „Noch eine gute Viertelstunde im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nußhecken das wirst du ja wissen“ sagte Rothkäppchen. Der Wolf gedacht bei sich, das ist ein guter fetter Bissen für mich, wie fängst dus an, daß du den kriegst: „hör Rothkäppchen, sagte er, hast du die schönen Blumen nicht gesehen, die im Walde stehen, warum guckst du nicht einmal um dich, ich glaube, du hörst gar nicht darauf, wie die Vöglein lieblich singen, du gehst ja für dich hin als wenn du im Dorf in die Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald.“

Rothkäppchen schlug die Augen auf, und sah wie die Sonne durch die Bäume gebrochen war und alles voll schöner Blumen stand; da gedacht es: ei! wenn ich der Großmutter einen Strauß mitbringe, der wird ihr auch lieb seyn, es ist noch früh, ich komm doch zu rechter Zeit an, und sprang in den Wald und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meint es, dort stünd noch eine schönere und lief darnach und immer weiter in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradeswegs nach dem Haus der Großmutter und klopfte an die Thüre. „Wer ist draußen?“ – „das Rothkäppchen, ich bring dir Kuchen und Wein, mach mir auf.“ – „Drück nur auf die Klinke, rief die Großmutter, ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“ Der Wolf drückte an der Klinke, und die Thüre sprang auf. Da ging er hinein, geradezu an das Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann nahm er ihre Kleider, that sie an, setzte sich ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Rothkäppchen aber war herum gelaufen nach Blumen, und erst, als es so viel hatte, daß es keine mehr tragen konnte, machte es sich auf den Weg zu der Großmutter. Wie es ankam stand die Thüre auf, darüber verwunderte es sich, und wie es in die Stube kam, sahs so seltsam darin aus, daß es dacht: ei! du mein Gott! wie ängstlich wird mirs heut zu Muth, und bin sonst so gern bei der Großmutter. Drauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück, da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah wunderlich aus. „Ei Großmutter, was hast du für große Ohren!“ – „daß ich dich besser hören kann.“ – „Ei Großmutter, was hast du für große Augen!“ – „daß ich dich besser sehen kann.“ – „Ei Großmutter was hast du für große Hände!“ – „daß ich dich besser packen kann.“ – „Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ – „daß ich dich besser fressen kann.“ Damit sprang der Wolf aus dem Bett, sprang auf das arme Rothkäppchen, und verschlang es.

Wie der Wolf den fetten Bissen erlangt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging eben vorbei und gedacht, wie kann die alte Frau so schnarchen, du mußt einmal nachsehen. Da trat er hinein und wie er vors Bett kam, da lag der Wolf den er lange gesucht, der hat gewiß die Großmutter gefressen vielleicht ist sie noch zu retten, ich will nicht schießen, dachte der Jäger. Da nahm er die Scheere und schnitt ihm den Bauch auf, und wie er ein paar Schnitte gethan, da sah er das rothe Käppchen leuchten, und wie er noch ein wenig geschnitten, da sprang das Mädchen heraus und rief: „ach wie war ich erschrocken, was wars so dunkel in dem Wolf seinem Leib;“ und dann kam die Großmutter auch lebendig heraus. Rothkäppchen aber holte große schwere Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er sich todt fiel.

Da waren alle drei vergnügt, der Jäger nahm den Pelz vom Wolf, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rothkäppchen gebracht hatte, und Rothkäppchen gedacht bei sich: du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Weg ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.

 

Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rothkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Weg ableiten wollen. Rothkäppchen aber hütete sich und ging gerad fort ihres Wegs, und sagte der Großmutter daß sie den Wolf gesehen, daß er ihm guten Tag gewünscht aber so bös aus den Augen geguckt; „wenns nicht auf offner Straße gewesen, er hätt mich gefressen.“ – „Komm, sagte die Großmutter wir wollen die Thüre verschließen, daß er nicht herein kann.“ Bald darnach klopfte der Wolf an und rief: „mach auf, Großmutter, ich bin das Rothkäppchen, ich bring dir Gebackenes.“ Sie schwiegen aber still und machten die Thüre nicht auf, da ging der Böse etlichemal um das Haus und sprang endlich aufs Dach, und wollte warten bis Rothkäppchen Abends nach Haus ging, dann wollt’ er ihm nachschleichen und wollts in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte; da stand vor dem Haus ein großer Steintrog: „hol’ den Eimer, Rothkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.“ Rothkäppchen trug so lange bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte, er fing an zu rutschen, und rutschte vom Dach herab und gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rothkäppchen aber ging fröhlich und sicher nach Haus.

 

Kinder- und Haus-Märchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Berlin, in der Realschulbuchhandlung 1812, S. 113-118.

 

 

In der Langfassung geht das Grimmsche „Rotkäppchen“ (KHM 26) indirekt auf Charles Perraults „Le petit chaperon rouge“ zurück. Das aus dem Französischen übernommene und damals häufig gebrauchte Wort Bouteille wurde 1819 durch Flasche ersetzt, um jeden Anschein an französische Ursprünge des Märchens zu vermeiden. Perraults Geschichte hat einen negativen Ausgang und endet mit dem Verschlingen des Rotkäppchens. Dem Wolf als Gegenspieler des Kindes ist unübersehbar die Rolle eines männlichen Verführers zugedacht. Seine Aufforderung, Rotkäppchen möge zu ihm ins Bett steigen, läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die angehängte Moralität über gefährliche Verführer in vielerlei Verstellung, vor denen sich gerade junge Mädchen hüten müßten, mag heute ein wenig abgestanden klingen. Sie wird in den Übersetzungen meistens weggelassen. Sonst auch vorkommende Züge eines Fressermärchens (Wolf als Verschlinger) enthält Perraults Fassung im Unterschied zu späteren französischen Bearbeitungen nicht. Als die ersten Sammlungen mit Märchen in deutscher Sprache in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erschienen, gehörte zu den frühen Ausgaben eine bilinguale und bis heute kaum wahrgenommene Ausgabe der Perrault-Märchen. Sie war um 1760/61 erstmals erschienen und bereits 1761 als neuverbesserte und mit einigen Kupfern versehene Edition unter folgendem Titel erhältlich: Histoires/ OU/ Contes/ DU TEMS PASSÉ/ Avec/ DES MORALITÉS/ Par Mr. PERAULT[!]/ Historien/ Oder/ Erzehlungen/ Der Mutter LOYE[!]/ Von den vergangenen Zeiten/ Nebst einigen/ Sitten=Lehren (Berlin: Arnaud Wewer 1761). Der anonyme Übersetzer hatte das Märchen in Anlehnung an den französischen Titel Le petit Chaperon rouge/Die kleine Roth=Kappe benannt und hielt sich an die Vorlage, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen.
Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung – Wirkung – Interpretation. Berlin/Bosten 2021. De Gruyter. Kindle-Version.

 

In der zweiten und dritten Auflage der Anmerkungen zu den Grimm’schen Märchen wurde daraus der lakonische Hinweis „Aus den Maingegenden“. Dieser Herkunftsnachweis deutet auf die Schwestern Hassenpflug, und so bestätigt es Wilhelm Grimms Eintragung in sein Handexemplar der Märchen: „Jeanette Herbst 1812“, „Marie Herbst 1812“. Die Geschwister Hassenpflug waren mit Perraults Märchen bestens vertraut, so dass der Titel auf ihre Erzählungen zurückgehen könnte, was indes unwahrscheinlich ist, weil die mündlich tradierten Geschichten den Grimms in der Regel ohne Überschrift zukamen.

Heinz Rölleke: Tausend Jahre „Rotkäppchen“. Präsenz einer Märchenfigur vom Mittelalter bis zur Gegenwart. In: Musenblätter - Das unabhängige Kulturmagazin. Wuppertal 01.06.20. https://musenblaetter.de/artikel.php?aid=26981&suche=an

 

Die Familie Hassenpflug ist eine der frühesten und ergiebigsten Quellen für die Sammlung Kinder- und Hausmärchen (KHM) der Brüder Grimm. Die enge Verbindung der beiden aus Hanau stammenden Familien Grimm und Hassenpflug entstand in deren Zeit in Kassel. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm pflegten freundschaftliche Kontakte zu den Töchtern von Johannes Hassenpflug, dessen Sohn Ludwig die einzige Schwester der Brüder Grimm, Charlotte, heiratete. Die Beiträge stammten vor allem von den Töchtern der Familie aus der Zeit vor deren Heirat. Sie haben in Grimms Anmerkungen den Vermerk „aus Hessen“, „aus den Maingegenden“ oder auch „aus Hanau“, da die Töchter der Familie in ihrer Kindheit von Hanau nach Kassel umgezogen waren. Die französischen Wurzeln der Familie erklären, dass einige Texte auf Charles Perrault zurückgehen.

 

Karl Christian Andreae: Portrait von Amalie Hassenpflug, Hannover 1848

 

Von Johanna (Jeanette) Hassenpflug (1791–1860) stammten KHM 14 Die drei Spinnerinnen, KHM 26 Rotkäppchen, KHM 36 Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack, KHM 41 Herr Korbes, KHM 67 Die zwölf Jäger, KHM 33a Der gestiefelte Kater, KHM 66a Hurleburlebutz, KHM 70a Der Okerlo, KHM 71a Prinzessin Mäusehaut.

Von Marie Hassenpflug (1788–1856) stammten KHM 11 Brüderchen und Schwesterchen, KHM 26 Rotkäppchen, KHM 31 Das Mädchen ohne Hände, KHM 40 Der Räuberbräutigam, KHM 45 Daumerlings Wanderschaft, KHM 50 Dornröschen, KHM 79 Die Wassernixe, KHM 200 Der goldene Schlüssel, KHM 75a Vogel Phönix, KHM 81a Der Schmied und der Teufel, KHM 99a Der Froschprinz, das Textfragment Prinzessin mit der Laus, vielleicht auch KHM 53 Schneewittchen.

Weiterhin von der Familie Hassenpflug stammten KHM 5 Der Wolf und die sieben jungen Geißlein, KHM 17 Die weiße Schlange, KHM 20 Das tapfere Schneiderlein, KHM 25 Die sieben Raben, KHM 32 Der gescheite Hans, KHM 52 König Drosselbart, KHM 55 Rumpelstilzchen, KHM 64 Die goldene Gans, KHM 54a Hans Dumm, KHM 62a Blaubart, KHM 76a Die Nelke, KHM 84a Die Schwiegermutter, vielleicht auch KHM 61a Von dem Schneider, der bald reich wurde und das Textfragment Der gute Lappen.
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Die Konstruktion des Textes durch Wilhelm Grimm

 

Als die Grimms das ‚Rotkäppchen‘ als Nr. 26 ihrer Sammlung veröffentlichten, war ihnen bereits aufgefallen, daß sie dieses Märchen außer in der mündlichen „Sage, was zu wundern ist, nirgends angetroffen, als bei Perrault (chareron rouge). […]

Alle bisherigen Untersuchungen maßen den Anmerkungen der Grimms keinen besonderen Wert zu. […] Vergleicht man die dramatische Erzählung Tiecks, die 1800 erstmals erschien, mir ihrer Vorlage, dem Märchen Perraults, und KMH 26, so macht man die überraschende Entdeckung, daß sie dem Grimmschen Märchen beträchtlich näher steht als dem Perraults.

Tieck hat die „Tragödie“ vom „Leben und Tode des kleinen Rothkäppchens“ ziemlich frei und eigenwillig nach einem französischen Vorbild gestaltet. Deshalb verwundert es nicht, wenn plötzlich am Ende der Geschichte ein Jäger auftritt und den Wolf tötet. […]

Am auffälligsten mutet ohne Zweifel der Text vom Eindringen des Wolfes bei der Großmutter an: bei Perrault legt sich der Wolf, nachdem er die Großmutter gefressen hat, ins Bett und versteckt sich bei Rotkäppchens Ankunft unter der Decke. In Tiecks Erzählung ist davon nicht die Rede, sondern hier setzt der Wolf die Haube der Großmutter auf. Er tut dies, um sich nicht im Bett verstecken zu müssen wie im französischen Märchen, aber um doch nicht gleich vom Rotkäppchen erkannt zu werden. […] Auch Grimm läßt die Aufforderung an Rotkäppchen, sich zu entkleiden, weg – wie Tieck, der ihm darin voranging – und wählt als Ausweg die „Verkleidung des Wolfes“, zu der wohl das Aufsetzen der Haube den Anstoß gegeben haben dürfte.

Rolf Hagen, S. 402f.

 

Ein schwer lösbares Problem stellt die Frage nach der Herkunft des zweiten Teils von KHM 26 dar. Es scheint sich dabei allen Anzeichens nach um eine unbewußte Erdichtung der ‚alten Marie‘ mit starken Anlehnungen an KHM 5 [‚Der Wolf und die sieben kleinen Geißlein“], das ihr bekannt war, zu handeln.

Rolf Hagen, S. 405.

 

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein (oft nur Der Wolf und die sieben Geißlein) ist ein bekanntes Tiermärchen (ATU 123). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 5 (KHM 5) und ist ab der 5. Auflage beeinflusst durch Die sieben Gaislein in August Stöbers Elsässisches Volksbüchlein (1842, Nr. 242). Ludwig Bechstein übernahm es ebenfalls nach Stöber in sein Deutsches Märchenbuch als Die sieben Geißlein (1845 Nr. 56, 1853 Nr. 47). Zudem ist es auch im französischen Sprachraum bekannt.

 

Die Geißenmutter muss das Haus verlassen und gibt ihren sieben Geißlein auf, während ihrer Abwesenheit niemanden ins Haus zu lassen. Nachdem sie gegangen ist, kommt der böse Wolf vorbei und begehrt Einlass. Die Geißlein erkennen jedoch an der rauen Stimme, dass der Wolf und nicht ihre Mutter vor der Türe steht, und lassen ihn nicht herein. Der Wolf frisst daraufhin Kreide, um seine Stimme zarter zu machen, und kehrt zum Haus der Geißlein zurück. Da der Wolf allerdings seine schwarze Pfote auf das Fensterbrett legt, erkennen die Geißlein den Betrugsversuch und lassen ihn nicht herein. Für den dritten Versuch lässt sich der Wolf vom Bäcker Teig auf den Fuß streichen und zwingt danach den Müller, diesen mit Mehl zu bestäuben. So gelingt es ihm nun, die Geißlein zu täuschen, die daraufhin die Tür öffnen. Der böse Wolf stürmt hinein und frisst sechs der sieben Geißlein, eines kann sich in der Standuhr verstecken. Als die Mutter wieder nach Hause kommt, schlüpft das Geißlein aus seinem Versteck und berichtet von dem Überfall und den gefressenen Geschwistern. Der Wolf liegt noch schläfrig auf der Wiese vor dem Haus, woraufhin Mutter Ziege zurück ins Haus eilt und Schere und Nähzeug holt. Mit der Schere öffnet sie den Bauch des Wolfs, und es zeigt sich, dass alle Geißlein noch am Leben sind und dem Bauch entspringen können. Die Mutter beauftragt ihre Kinder, Wackersteine zu sammeln, die sie in den Bauch des Wolfs einnäht. Als der Wolf wieder aufwacht und zum Trinken an den Brunnen geht, wird er durch die Last der Steine hineingezogen und ertrinkt.

 

Verglichen mit Jacob Grimms handschriftlicher Urfassung ist der Erstdruck von 1812 mit wörtlichen Reden ausgeschmückt, womit auch das in der Anmerkung noch wiedergegebene französische Fragment auf Deutsch in den Text integriert wird. Die Auflage letzter Hand von 1857 ist besonders nach der Wiederkunft der Geißenmutter noch lebendiger erzählt, dazu der Ausspruch des Wolfes:

 

„was rumpelt und pumpelt

in meinem Bauch herum?

ich meinte es wären sechs Geißlein,

so sinds lauter Wackerstein.“

 

Die Alliteration „so frisst er euch alle mit Haut und Haar“ gehört zu Grimms Standardrepertoire, besonders Jacob Grimm kannte sie auch aus den Deutschen Rechtsaltertümern. „Nicht langes Federlesen“ und „seine Lust büßen“ waren bekannte Wendungen.

Grimms Anmerkung notiert „Aus der Maingegend“ (wohl von Familie Hassenpflug).

 

Das Märchen gelangte auch in die publikumswirksame kleine Ausgabe von Grimms Märchen und später in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch, das sich allerdings genau an Stöbers Fassung hält, sie nur ins Hochdeutsche überträgt. Sie wurde in vielen Lesebüchern nachgedruckt. Laut Hans-Jörg Uther gehört es zu den vielen Beispielen, wie Kinder im Märchen erzogen werden, am frühesten im Liber fabulorum Aesopi des Romulus aus dem 5. Jahrhundert: „Auf die Weisungen der Eltern zu hören dient den Kindern zum Wohl, wie die folgende Fabel lehrt.“ Entsprechend der Titel in Ulrich Boners Edelstein (um 1350, Nr. 33): „von kinden gehorsami“, ebenso in Heinrich Steinhöwels Fabel (Esopus, Nr. 92). Dort werden „väterliche Gebote“ gehalten, hier versagen die Tierkinder vor dem Fremden, was die Rolle der Mutter als Erzieherin und Retterin noch betont. Grimms Märchen beachten auch das Exzeptionsprinzip – ein Geißlein muss überleben, um erzählen zu können (z. B. auch KHM 49, 62, 91). Psychologische Interpreten interessierte dann mehr der Konflikt mit dem – etwa als Vater aufgefassten – Wolf.
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Der Wolf und die sieben jungen Geislein.

 

Eine Geis hatte sieben Junge, die sie gar lieb hatte und sorgfältig vor dem Wolf hütete. Eines Tags, als sie ausgehen mußte, Futter zu holen, rief sie alle zusammen und sagte: „liebe Kinder, ich muß ausgehen und Futter holen, wahrt euch vor dem Wolf und laßt ihn nicht herein, gebt auch Acht, denn er verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Pfoten könnt ihr ihn erkennen; hütet euch, wenn er erst einmal im Haus ist, so frißt er euch alle miteinander.“ Darauf ging sie fort, bald aber kam der Wolf vor die Hausthüre und rief: „liebe Kinder, macht mir auf, ich bin eure Mutter und hab’ euch schöne Sachen mitgebracht.“ Die sieben Geiserchen aber sprachen: „unsere Mutter bist du nicht, die hat eine feine liebliche Stimme, deine Stimme aber ist rauh, du bist der Wolf, wir machen dir nicht auf.“ Der Wolf ging fort zu einem Krämer und kaufte sich ein groß Stück Kreide, die aß er und machte seine Stimme fein damit. Darnach ging er wieder zu der sieben Geislein Hausthüre und rief mit feiner Stimme: „liebe Kinder, laßt mich ein, ich bin eure Mutter, jedes von euch soll etwas haben.“ Er hatte aber seine Pfote in das Fenster gelegt, das sahen die sieben Geiserchen und sprachen: „unsere Mutter bist du nicht, die hat keinen schwarzen Fuß, wie du; du bist der Wolf, wir machen dir nicht auf.“ Der Wolf ging fort zu einem Bäcker und sprach: „Bäcker, bestreich mir meine Pfote mit frischem Teig,“ und als das gethan war, ging er zum Müller und sprach: „Müller, streu mir sein weißes Mehl auf meine Pfote.“ Der Müller sagte nein. – „Wenn du es nicht thust, so freß ich dich.“ Da mußte es der Müller thun.

Darauf ging der Wolf wieder vor der sieben Geiserchen Hausthüre und sagte: „liebe Kinder, laßt mich ein, ich bin eure Mutter, jedes von euch soll etwas geschenkt kriegen.“ Die sieben Geiserchen wollten erst die Pfote sehen, und wie sie sahen, daß sie schneeweiß war und den Wolf so fein sprechen hörten, glaubten sie es wäre ihre Mutter und machten die Thüre auf, und der Wolf kam herein. Wie sie ihn aber erkannten, versteckten sie sich geschwind, so gut es ging, das eine unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter eine große Schüssel; das siebente in die Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle und verschluckte sie, außer das jüngste in der Wanduhr, das blieb am Leben.

Wie der Wolf seine Lust gebüßt, ging er fort, bald darauf kam die alte Geis nach Haus. Was für ein Jammer! der Wolf war da gewesen und hatte ihre lieben Kinder gefressen. Sie glaubte sie wären alle todt, da sprang das jüngste aus der Wanduhr, und erzählte, wie das Unglück gekommen war.

Der Wolf aber, weil er sich vollgefressen, war auf eine grüne Wiese gegangen, hatte sich in den Sonnenschein gelegt und war in einen tiefen Schlaf gefallen. Die alte Geis dachte, daran, ob sie ihre Kinder nicht noch erretten könnte, sagte darum zu dem jüngsten Geislein: „nimm Zwirn, Nadel und Scheere und folg’ mir nach.“ Darauf ging sie hinaus und fand den Wolf schnarchend auf der Wiese liegen: „da liegt der garstige Wolf,“ sagte sie und betrachtete ihn von allen Seiten, nachdem er zum Vieruhrenbrot meine sechs Kindlein hinuntergefressen hat, gieb mir einmal die Scheere her: „Ach! wenn sie noch lebendig in seinem Leibe wären!“ Damit schnitt sie ihm den Bauch auf, und die sechs Geiserchen, die er in der Gier ganz verschluckt hatte, sprangen unversehrt heraus. Sie hieß sie gleich hingehen und große, und schwere Wackersteine herbeitragen, damit füllten, sie dem Wolf den Leib, nähten ihn wieder zu, liefen fort, und versteckten sich hinter eine Hecke.

Als der Wolf ausgeschlafen hatte, so fühlt’ er es so schwer im Leib und sprach: „es rumpelt und pumpelt mir im Leib herum! es rumpelt und pumpelt mir im Leib herum! was ist das? ich hab’ nur sechs Geiserchen gegessen.“ Er dacht, er wollt einen frischen Trunk thun, das mögt’ ihm helfen und suchte einen Brunnen, aber wie er sich darüber bückte, konnte er vor der Schwere der Steine sich nicht mehr halten, und stürzte ins Wasser. Wie das die sieben Geiserchen sahen, kamen sie herzu gelaufen, und tanzten vor Freude um den Brunnen.

 

Kinder- und Haus-Märchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Berlin, in der Realschulbuchhandlung. 1812, S. 12-15.

 

Postkartenserie von Oskar Herrfurth. Serie 265, Nr. 4516-4521, der Firma Uvachrom (in den 1920er Jahren). Goethezeitportal http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4319

 

Rotkäppchen widersetzt sich zwar auch bei Grimm Befehlen, wie z.B. dem der Mutter, nicht vom Weg abzugehen, aber hier weniger absichtlich, als vielmehr von äußeren Einflüssen verleitet – in diesem Fall zum einen vom Wolf, zum anderen von der von ihm gepriesenen Schönheit der Natur. Das Mädchen trifft hier außerdem ganz ohne Vorwarnung auf das Tier. Die einzige indirekte Warnung besteht aus eben jenem Satz, nicht vom Weg abzugehen, den die Mutter allerdings lediglich damit begründet, dass das Rotkäppchen sonst hinfalle, die Flasche im Körbchen zerspringe und die Großmutter dann leer ausginge. Sie bezieht also das Abgehen vom Weg gar nicht auf mögliche lauernde Gefahren, sondern hat vielmehr das Wohl der Großmutter im Sinn. Man kann also hier dem Rotkäppchen nicht in dem Maße wie bei Tieck die Verantwortung für die weitere Entwicklung der Geschichte zuweisen.

Auch bei Grimm wird die schöne Natur beschrieben; die Sonnenstrahlen und die blühenden Blumen. Die rote Kappe wird, ähnlich wie bei Perrault, ausschließlich zu Beginn erwähnt, auch das grimmsche Rotkäppchen erhält sie als Geschenk der Großmutter. Im weiteren Verlauf des Märchens spielt sie jedoch keine Rolle mehr: hier zeigt sich also eine deutliche Abweichung von Tieck. Ebenfalls von Tieck nicht übernommen, sondern eher von Perrault beeinflusst, ist der Beginn des Märchens.

Sowohl Perrault, also auch Grimm lassen ihr Märchen damit anfangen, dass Rotkäppchen von seiner Mutter mit einem Korb voll Leckereien ausgeschickt wird, um ihn der Großmutter zu bringen. Tieck steigt mit seiner ersten Szene bereits im Haus der Großmutter ein, Rotkäppchen ist schon auf dem Weg dorthin und eine Mutter spielt – im wahrsten Sinne des Wortes – gar keine Rolle, zumindest nicht aktiv. Auch andere inhaltliche Erweiterungen wie die Lebensgeschichte des Wolfs oder seine Beziehung zu einem Hund wird bei Grimm ähnlich der ursprünglichen Fassung nicht aufgenommen.

Einen besonderen Einblick in die unterschiedliche Verarbeitung des Märchenstoffes bietet die Betrachtung der Schlussszene in Großmutters Stube. Vergleicht man die jeweiligen Schlussszenen aller drei Versionen, so zeigt sich zunächst, dass bei Grimm und Tieck im Gegensatz zu Perrault dem Rotkäppchen sich fürchtet, noch bevor es den Wolf im Bett der Großmutter sieht. Als es dann an das Bett der Großmutter herantritt, spricht es diese mit der gleichen Anrede wie Tieck sie verwendet „Ei, Großmutter […]“ auf die übergroßen Ohren, Augen, Hände und schließlich auf ihr Maul an. Als in Grimms Version erstmalig auftretendes Motiv, zieht der Wolf, nachdem er die Großmutter verschlungen hat, deren Kleider an. Bei Perrault legt er sich ohne Umschweife nackt ins Bett: „[Rotkäppchen] sah, wie seine Großmutter ohne Kleider beschaffen war“ und in Tiecks Drama setzt er lediglich Großmutters Haube auf. In der grimmschen Version gehen damit allerdings einige Ungereimtheiten einher: Wie soll der Wolf die Kleider der Großmutter angezogen haben, wenn er diese doch kurz zuvor unverzüglich mit Haut und Haar verschlungen hat? […]

Man spürt hier ganz deutlich die Absicht der Brüder Grimm, ihr Märchen von obszönen, anstößigen Szenen und Andeutungen zu befreien. Ganz gleich, ob die Logik, die im Märchen sowieso meist nicht vorhanden ist und von daher gar nicht erst hinterfragt werden darf, an dieser Stelle den Leser ins Grübeln bringt – die sexuellen Anklänge mussten getilgt werden, damit die beiden Brüder ihrer Sittsamkeit Ausdruck verleihen konnten. Auch die Aufforderung des Wolfes, sich zu ihm ins Bett zu legen, oder sich gar auszuziehen, bleibt wie bei Tieck aus. Die perraultsche Fassung war den Brüdern Grimm zu zuchtlos, die Tieck‘sche zu grausam. Und damit soll nun die gravierendste Änderung, die die Brüder vorgenommen haben, betrachtet werden: der Schluss des Märchens.

Der Schluss des Grimm’schen Rotkäppchens scheint zunächst ähnlich wie bei Tieck zu enden (mit der Ausnahme, dass bei Tieck die Großmutter vom Wolf nicht verschluckt, sondern unterm Bett versteckt wird): der Jäger kommt vorbei und ist zur rechten Zeit am rechten Ort, er wird durch das Schnarchen der Großmutter angelockt (bei Tieck sorgen dafür die Rotkehlchen), er wittert den Wolf und will gerade sein Gewehr zücken – da überlegt er es sich anders. Er vermutet Großmutter und Rotkäppchen im Bauch des schlafenden Tieres, schneidet ihm den Bauch auf und die beiden kommen lebend wieder heraus. Sie füllen zu dritt dem Wolf Wackersteine in den Bauch, sodass er, als er wieder aufwacht, wegen des Gewichtes tot umfällt. Dieses Motiv gleicht dem Schluss des ebenfalls in den KHM enthaltenen Volksmärchens „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“, samt Verschlingen, Schnarchen, Bauchaufschneiden, Rettung und Wackersteinen. Die Brüder Grimm wenden es genauso auf das Rotkäppchen an, um das Märchen zu verharmlosen und ihm ein gutes Ende zu verleihen. Das Märchen führt also vor Augen, dass es trotz grausamem Schicksal, das dem Rotkäppchen und seiner Großmutter widerfährt, einen Ausweg, eine Lösung gibt und der Rückweg möglich bleibt, gleichsam einer Neu- oder Wiedergeburt aus dem Bauch des Wolfes. Allerdings schaffen weder Großmutter noch Enkelin dies ohne Hilfe von außen und wären ohne den eingreifenden Jäger ausgeliefert. Eine gehorsame und der mütterlichen Mahnung zugängliche Einstellung des Rotkäppchens schiene als angebracht – zumal selbst bei den Brüdern Grimm eine unterschwellige kriminelle, möglicherweise auch sexuelle Gewalt angedeutet ist: Der Wolf als „Sünder“, der sein „Gelüsten stillt“.

Franziska Beermann: Ludwig Tiecks Leben und Tod des kleinen Rotkäppchen, Eine Tragödie im Verhältnis zur Märchentradition. Universität Osnabrück, Bachelor-Arbeit vorgelegt im Rahmen der Bachelor-Prüfung für den Studiengang Bachelor BEU im Teilstudiengang Germanistik, S. 35f.

 

 

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