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Vier deutsche Übersetzungen:

Die kleine Rothkappe und Rothkäppchen

 

Perraults Märchensammlung wurde im 18. Jahrhundert zweimal ins Deutsche übertragen. Die erste – zweisprachige– Übersetzung erschien in drei Auflagen.

 

Die kleine Roth-Kappe 1759

 

Contes de ma Mere Loye ou histoires du Tems passé par Mr. Perrault. – Historien oder Erzählungen der Mutter Loye von den vergangenen Zeiten nebst einigen Sittenlehren in französischer und deutscher Sprache. A Berlin chez Arnault Wever 1759.

 

  

HISTOIRES/ OU/ CONTES/ DU TEMPS PASSE/ Avec des MORALITES/ PAR Mr. PERRAULT./ Historien/ Oder/ Erzehlungen/ Der Mutter LOYE,/ Von den vergangenen Zeiten,/ Nebst einigen/ Sitten-Lehren./ Neuverbesserte Auflage mit Kupfern./ A BERLIN,/ Chez ARNAUD WEWER, Libraire./ MDCCLXI. (1761)

 

Contes de ma mere loye ou histoires du temps passé avec des moralites par Mr. Perrault. – Historien oder Erzählungen der Mutter Loye von den vergangenen Zeiten nebst einigen Sitten-Lehren. Neuverbesserte Auflage mit Kupfern./ A Berlin chez Arnault Wever 1770.

 

Hier der Text aus der 2. Ausgabe von 1761:

 

Die kleine Roth-Kappe.

ES war einsten eine kleine Bauer-Dirne welche so artig war, als man jemahls eine gesehen. Ihre Mutter liebte solche sehr, und die Groß-Mutter noch hefftiger. Es ließ auch diese ihr eine rothe Kappe machen, welche ihr so wohl saß, daß man sie überall die kleine Roth-Kappe nennete.

Einsmahls hatte die Mutter Kuchen gebacken, und sagte zu der Tochter, sie sollte hinausgehen und sehen, was die Groß-Mutter machte und sehen, sie hätte gehöret, daß selbe kranck wäre, sie sollte ihr auch zugleich einen Kuchen und einen kleinen Topff mit Butter bringen. Die kleine Roth-Kappe gieng alsobald fort zu ihrer Groß-Mutter, welche in einem andern Dorffe wohnete. Als sie durch den Wald gieng, so begegnete ihr der Wolff, der sie gerne gefressen hätte, allein er durffte nicht, weil etliche Holtz-Hauer in dem Wald waren. – Unterdessen so fragte er sie, wo sie hingienge. Das arme Kind, welches nicht wuste, daß es gefährlich ist, einem Wolffe Gehör zu geben, sagte zu demselben: Ich gehe hin zu meiner Groß-Mutter, und soll derselben einen Kuchen nebst einen kleinen Topff mit Butter bringen, welche ihr die Mutter schicket.   Der Wolff sprach. Wohnet dieselbe weit von hier? O ja, antwortete die kleine Roth-Kappe, in jenem Dorffe, welches jenseit der Mühlen lieget, am Ende. Wohlan, fuhr der Wolff fort, so will ich solche auch besuchen; Gehe du diesen Weg, ich will jenen lauffen, wir wollen sehen, wer am ersten da sey wird. Der Wolff lieff was er konnte, den kürtzesten Weg, das Mägdchen aber gieng den weitesten, und hielt sich damit auf, daß sie Nüsse auflas, Sommer-Vögel fieng, und Sträusse machte, von den kleinen Blumen, welche sie unterwegens antraff. Der Wolff kam bald dahin, wo die Groß-Mutter wohnete, und klopffte an. Wer ist da? fragte die Groß-Mutter. Ich bin eure Tochter, die kleine Roth-Kappe, antwortete der Wolff mit verstellter Sprache, ich bringe euch einen Kuchen nebst einem kleinen Topff mit Butter, welches euch die Mutter schicket. Die Groß-Mutter, so zu Bette lag, weil sie sich etwas übel befand, sagte: Ziehe den Nagel heraus, so wird die Spindel wegfallen. Der Wolff zog den Nagel aus und die Thür gieng auf. Er machte sich sogleich über die gute Frau her und fraß sie, denn er hatte in drey Tagen nichts gefressen. Nach diesem machte er die Thüre zu, legte sich in der Groß-Mutter Bette und wartete auf die kleine Roth-Kappe, welche eine Weile darnach anklopfte. Wer ist da, fragte der Wolff? Die kleine Roth-Kappe sie fürchtete sich anfänglich, als sie des Wolffes grobe Stimme hörete, allein, weil sie meinete, daß ihre Groß-Mutter den Schnuppen hatte, so antwortete sie: Ich bin eure Tochter, die kleine Roth-Kappe, ich bringe euch einen Kuchen und einen kleinen Topff mit Butter, so euch die Mutter schicket. Der Wolff redete etwas klein und sprach: Ziehe den Nagel aus, so wird die Spindel wegfallen. Die kleine Roth-Kappe zog den Nagel aus und die Thür gieng auf. Als nun der Wolff sahe, daß sie herein kam, so versteckte er sich unter die Bett-Decke und sagte zu ihr: Setze den Kuchen nebst dem kleinen Topff mit Butter auf den Back-Trog und legte (!) dich zu mir. Die kleine Roth-Kappe zog sich aus und legte sich ins Bette. Sie wurde aber sehr bestürtzt, als sie sahe, wie ihre Groß-Mutter in ihrem Nacht-Zeug beschaffen war, und sprach deshalben zu ihr: Groß-Mutter, was habet ihr vor starcke Arme! Desto besser kan (!) ich dich umarmen, mein (!) Tochter, antwortete der Wolff. Die kleine Roth-Kappe fragte weiter: Groß-Mutter, was habet ihr vor starcke Beine? Desto besser kann (!) ich laufen, mein Kind, erwiederte der Wolff. Groß-Mutter, fuhr die kleine Roth-Kappe fort, was habet ihr vor grosse Ohren? Mein Kind, desto besser kan (!) ich hören, versetzte der Wolff. Groß-Mutter, was habet ihr vor grosse Augen, sagte die kleinen Roth-Kappe weiter? Desto besser kan (!) ich sehen, mein Tochter, replicirte der Wolff. Groß-Mutter, was habet ihr vor grosse Zähne? Verfolgte endlich die kleine Roth-Kappe. Damit will ich dich fressen, antwortete letztlich der Wolff, und indem er diese Worte sprach, so überfiel er die kleine Roth-Kappe boßhaffter Weise und fraß sie auf.

 

Sitten-Lehre.

WAnn ein schönes, junges Kind,

Sich so gar zu willig find’t

Einen jeden anzuhören,

Ist es leichtlich zu bethören;

   Und dann kann es leicht geschehn,

Daß es eben auf die Weise;

   Wie wir in der Fabel sehn,

Denen Wölffen wird zur Speise.

   Die Wölffe sind nicht alle wild,

Es giebet ihr gar viele Sorten,

   Die manches schönes Tugend-Bild

Verführen mit gelinden Worten:

Die freundlich, höflich und vor allen

Den Jungfern suchen zu gefallen:

   Die ihnen bis ins Haus nachgehn

   Und wohl gar vor das Bette stehn.

      Solch Schmeichler,

      Solch Heuchler

Muss man mehr als andre fliehen,

Will man nicht den Kürtzern ziehen

 

LE PETIT/ CHAPERON/ ROUGE. – Die kleine/ Roth-Kappe., S. 7-15.

 

 

Rothkäppchen. Ein Märchen 1790

 

Eine zweite Übersetzung erschien im ersten Band der von Weimarer Verleger Friedrich Justin Bertuch (1747-1822) herausgegebenen Blaue(n) Bibliothek aller Nationen (1790-1800). Beide Übersetzungen halten sich wörtlich an die französische Vorlage; in der Übersetzung von 1790 fehlt die Moralité oder die Sitten-Lehre.

 

Rothkäppchen. Ein Mährchen. In: Friedrich Justin Bertuch: Die Blaue Bibliothek aller Nationen. Erster Band. Gotha in der Ettingerschen Buchhandlung 1790., S. 3-6.

 

 

Rothkäppchen.

Ein Mährchen.

–––

 

Es war einmal ein Bauermädchen, so hübsch und niedlich als man nur eins in der Welt sehen kann. Ihre Mutter war ganz in sie vernarrt, und ihre Großmutter noch mehr. Diese gute Frau ließ ihr nun ein rothes Käppchen machen, das ihr so gut stund, daß man sie davon allenthalben nicht anders als Rothkäppchen nannte.

Nun hatte ihre Mutter einmal Brodkuchen gebacken. Da, sagte sie zu ihr, bring der Großmutter ein Stück Küchen und das Butterbüchschen, und sieh‘, was sie macht; ich hörte vorhin sie wäre krank. Nun trappelte Rothkäppchen geschwind fort zur Großmutter, die in einem andern Dorfe wohnte. Da sie nun unterwegs durch ein Holz gieng, kam der Meister Wolf, und wollte sie fressen; aber er getraute sichs doch nicht, wegen etlicher Holzhauer, die in der Nähe waren. Er fragte sie daher nur, wo sie denn hinginge. – I, sagte das gute Mädchen, das noch nicht wußte, wie gefährlich es ist, sich mit einem Wolfe einzulassen, ich will zur Großmutter und ihr ein Stück Kuchen und ein Butterbüchschen von meiner Mutter bringen. – Ey, wo wohnt sie denn? fragte der Wolf wieder; ist‘s denn noch weit hin? – Ey ja freylich, versezte Rothkäppchen; sie wohnt noch über der Mühle draussen, die du dort unten, ganz unten, siehst, gleich im ersten Hause, wenn man zum Dorfe ‘neingeht. – Nun gut, sagte der Wolf, ich will sie doch auch besuchen. Weißt du was; ich will den Weg da gehen, und geh‘ du jenen Weg, und da wollen wir sehn, wer am ersten hinkommt. –

Nun fieng der Wolf aus Leibeskräften zu laufen an, und nahm den kürzesten Weg; Rothkäppchen aber hatte den längsten Weg genommen, und hielt sich noch darzu allenthalben auf, suchte Haselnüsse, lief den bunten Schmetterlingen nach, und bund sich Sträußerchen von Blumen, die sie hie und da pflückte. Der Wolf war gar bald vor der Großmutter Hause. Er pochte an: poch, poch. – Wer ist da? rufte die Großmutter. – Macht nur auf, lieb‘ Großmutter – antwortete der Wolf mit verstellter Stimme – ich bins, euer Rothkäppchen, ich bring euch Brodkuchen und ein frisches Butterbüchschen, das euch meine Mutter schickt. – Die gute Großmutter, die im Bette lag und krank war, rufte: zieh nur an der Klinke und der Riegel geht gleich auf. Der Wolf zog an der Klinke und die Hausthür gieng auf. Nun fiel er über die arme Frau her, und fraß sie, mir nichts dir nichts, rein auf, denn er hatte ganzer drey Tage nichts gefressen. Er machte darauf die Thür wieder zu, legte sich ins Bette der Großmutter und wartete nun auf Rothkäppchen, die bald darauf kam, und an die Tür klopfte. Poch, Poch! – Wer ist da? Rothkäppchen, welche die grobe Stimme des Wolfs hörte, fürchtete sich anfangs davor; sie dachte aber hernach, daß die Großmutter vielleicht einen heischen Hals hätte, und antwortete, macht nur auf, ich bin's, das kleine Rothkäppchen; ich bringe euch frischen Kuchen und ein Butterbüchschen, das euch meine Mutter schickt – zieh nur an der Klinke, rufte der Wolf, und machte seine Stimme so klar als er nur konnte – zieh nur an der Klinke, liebes Rothkäppchen, und der Riegel wird gleich aufgehen. Rothkäppchen zog an der Klinke, und die Thür gieng auf. Da der Wolf sie hereinkommen sahe, kroch er unter die Bettdecke und sagte zu ihr: setze den Kuchen und das Butterbüchschen nur hin auf den Mehlkasten und komm hernach her und leg dich ein bisgen bey mich ins Bette. Rothkäppchen that es, zog sich aus und wollte sich ins Bette legen, aber wie erschrak sie nicht, da sie die Decke aufschlug und sahe, wie ihre Großmutter im Bette aussah. Ach lieb‘ Großmutter, fieng sie an, was ihr für große Arme habt! – Die hab‘ ich, mein Tochter, daß ich dich besser umarmen kann. – Ach, lieb‘ Großmutter, was ihr für große und rauche Beine habt! – Die hab‘ ich, mein Tochter, daß ich desto besser laufen kann. – Ach, lieb‘ Großmutter, was ihr für große Ohren habt! – Die hab‘ ich, dass ich desto besser hören kann. – Ach, lieb‘ Großmutter, was Ihr für große Augen habt! Die habe ich, mein Tochter, dass ich besser sehen kann. – Ach, lieb‘ Großmutter, was ihr für große Zähne habt! – Und die hab‘ ich, dass ich dich fressen kann. – Und wie er das sagte fiel der garstige Wolf über das arme Rothkäppchen her, und fraß es.

 –––––

 

Perraults »Rotkäppchen« hatte im 18. Jahrhundert ungewöhnlichen Erfolg. Es war sogar eines der wenigen Märchen in der Geschichte, das durch seine Universalität, Mehrdeutigkeit und geschickten sexuellen Andeutungen von der mündlichen Volkstradition wieder aufgegriffen wurde. Die Gründe dafür, dass das Märchen in der mündlichen Volkskunst wieder Wurzeln fasste, sind die starke Verbreitung seiner gedruckten Fassung und die Tatsache, dass es doch immer auch noch die Lebensweisheiten der Bauern bestätigte. So kam es schließlich zur Schöpfung des noch populäreren Grimm-Märchens, das die gleiche Wirkung hatte. Perraults Märchen wurde 1712 (recte 1729) ins Englische übersetzt und ständig neu aufgelegt: in seiner Ursprungsform, in Almanachen, auf Bilderbögen und in Kindermärchensammlungen. Schließlich machte es seinen Weg nach Amerika und wurde dort ausgesprochen populär. In Deutschland wurde das Märchen erst im späten 18. Jahrhundert mehrfach übersetzt. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1790. (recte: 1759) Wir sollten uns jedoch darüber klar sein, dass der Adel und das Bürgertum französisch lesen konnten oder wenigstens französische Kindermädchen hatten, so dass Perraults Märchen schon vorher sehr bekannt werden konnte, besonders als geschickt didaktisches Kindermärchen. Für die Brüder Grimm war das Märchen allerdings noch immer zu grausam, zu sexuell und zu tragisch. Sie fanden, es sei notwendig, das Märchen im Zuge des bürgerlichen Sozialisationsprozesses des 19. Jahrhunderts zu reinigen und zu bearbeiten, um den Idealen des aufsteigenden Biedermeier und der Viktorianischen Epoche von einem kleinen Mädchen und von Wohlverhalten überhaupt zu entsprechen.
Jack David Zipes: Rotkäppchens Lust und Leid. Biographie eines europäischen Märchens. Neu durchgesehene und erweiterte Ausgabe. Frankfurt 1985, S. 33f.

 

 

Im Jahre 1822, zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung von Grimms Rotkäppchen-Märchen, erschien eine neue zweisprachige Ausgabe von Perraults Feenmärchen.

Feenmährchen/ für/ die Jugend/ von/ C. PERRAULT./ mit Kupfern/ Leipzig/ J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung./ 1822.

Le petit Chaperon rouge. – Klein Rothkäppchen., S. 42-46.

 

Bei dieser Übersetzung des Rotkäppchen-Märchens handelt es sich um eine stilistische Überarbeitung der Bertuchschen Übertragung von 1790.

 

 

 

 

 

Weite siebzehn Jahre später brachte Franz Heinrich Köhler die Sammlung von Feen-Märchen erneut in bearbeiteter Form auf den Markt.

 

 

Echte und wahrhafte/ Feen-Mährchen./ Neu bearbeitet./ Erstes Bändchen./ Mit Kupfern./ Stuttgart,/ Franz Heinrich Köhler./ 1839.
Rothkäppchen., S. 1-3.

 

Rothkäppchen.

 

Es war einmal ein Bauermädchen, so hübsch und niedlich, als man nur eins sehen kann. Ihre Mutter war ganz in sie vernarrt, und noch mehr ihre Großmutter. Diese ließ ihr ein rothes Käppchen machen, das ihr so gut stand, daß man sie deßhalb nicht anders als Rothkäppchen nannte.

   Einst hatte ihre Mutter Brodkuchen gebacken, und sagte zu ihr, bring der Großmutter ein Stück Kuchen und das Butterbüchschen, und sieh, was sie macht; denn ich hörte, sie wäre krank. Nun trippelte Rothkäppchen geschwind fort zur Großmutter, die in einem andern Dorfe wohnte. Als sie aber unterwegs durch einen Wald ging, kam der Meister Wolf, und wollte sie fressen; aber er wagte es doch nicht, wegen einiger Holzhauer, die in der Nähe da waren. Er fragte sie daher, nur, wo sie hinginge. – Ei, sagte das kleine Mädchen das noch nicht wußte, wie gefährlich es ist sich mit einem Wolfe einzulassen – ich will zur Großmutter und ihr ein Stück Kuchen und ein Butterbüchschen von der Mutter bringen. – So, ei wo wohnt sie denn? Istʼs denn noch weit hin? fragte der Wolf. – Ja freilich, versetzte Rothkäppchen, sie wohnt über der Mühle, die du dort ganz unten siehst, gleich im ersten Hause, wenn man zum Dorfe hineingeht. – Gut, sagte der Wolf, ich will sie doch auch besuchen. Weißt du was, ich will diesen Weg gehen, gehʼ du jenen, da wollen wir sehen, wer am ersten hinkömmt.

    Nun fing der Wolf aus Leibeskräften zu laufen an auf dem kürzesten Weg, Rothkäppchen aber hatte den längsten Weg genommen, und hielt sich noch dazu überall auf, suchte Haselnüsse, lief bunten Schmetterlingen nach, und band sich Sträußerchen von Blümchen, die sie hie und da pflückte. Der Wolf war gar bald vor der Großmutter Hause. Er pochte an: poch, poch. – „Wer da?“ rufte die Großmutter. – „Mach nur auf, liebʼ Großmutter“ antwortete der Wolf mit verstellter Stimme – „ich bins, Euer Rothkäppchen, ich bring Euch Brodkuchen und ein frisches Butterbüchschen, das euch meine Mutter schickt.“ – Die Großmutter, die im Bette lag und krank war rief: „zieh nur an der Klinke, der Riegel geht gleich auf.“ Der Wolf zog und die Hausthür gieng auf. Nun fiel er über die arme Frau her, und fraß sie, mir nichts dir nichts, rein auf, denn er hatte ganzer drei Tage gefastet. Er machte darauf die Thüre wieder zu, legte sich ins Bette der Großmutter und wartete nun auf Rothkäppchen, die bald darauf kam, und an die Thür klopfte. Poch, poch! – „Wer da?“ Rothkäppchen, welche die grobe Stimme des Wolfs hörte, fürchtete sich anfangs davor; sie dachte aber hernach, daß die Großmutter vielleicht einen heisern Hals hätte, und antwortete: „Macht nur auf, ich bins, das kleine Rothkäppchen; ich bring euch frischen Kuchen und ein Butterbüchschen, das euch meine Mutter schickt.” – „Zieh nur an der Klinke, liebes Rothkäppchen, und der Riegel wird gleich aufgehen;“ rief der Wolf, und machte seine Stimme so klein, als er konnte. – Rothkäppchen zog an der Klinke und die Thür ging auf. Da der Wolf sie hereinkommen sah, kroch er unter die Bettdecke und sagte zu ihr: „Setze den Kuchen und das Butterbüchschen nur hin auf den Mehlkasten und hernach leg dich zu mir ein bischen ins Bette.“ Rothkäppchen that es, zog sich aus und wollte sich ins Bett legen, aber wie erschrack sie nicht, da sie die Decke aufschlug und sah, wie ihre Großmutter aussah. Ach, liebe Großmutter, fing sie an, was ihr für große Arme habt! – Die habʼ ich, meine Tochter, daß ich dich desto besser umarmen kann. – Ach, liebe Großmutter, was ihr für große und rauche Beine habt! – Die hab ich, meine Tochter, daß ich desto besser laufen kann. – Ach, liebʼ Großmutter, was ihr für große Ohren habt! – Die hab ich, daß ich desto besser hören kann. – Ach, lieb Großmutter, was ihr für große Augen habt! Die hab ich, meine Tochter, daß ich desto besser sehen kann. – Ach, liebʼ Großmutter, was ihr für große Zähne habt! – Und die habʼ ich, daß ich dich desto besser fressen kann.“ Und wie er das sagte, fiel der garstige Wolf über das arme Rothkäppchen her, und fraß es auf.

 

 

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