Die Entstehung des Grimm'schen Märchens Rotkäppchen

Wilhelm und Jacob Grimm. Daguerreotypie 1847.
Brüder Grimm nannten sich die Sprachwissenschaftler und Volkskundler Jacob Grimm (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859) bei gemeinsamen Veröffentlichungen, wie zum Beispiel ihren weltberühmten Kinder- und Hausmärchen und dem Deutschen Wörterbuch, das sie begannen. Die Brüder gelten gemeinsam mit Karl Lachmann und Georg Friedrich Benecke als Begründer der Germanistik.
Grimms Märchen nennt man volkstümlich die berühmte
Sammlung Kinder- und Hausmärchen, in der Forschungsliteratur auch als KHM
abgekürzt, die Jacob und Wilhelm Grimm als Brüder Grimm von 1812 bis 1858
herausgaben. Die Brüder sammelten auf Anregung der Romantiker Clemens Brentano,
Achim von Arnim und Johann Friedrich Reichardt ursprünglich für deren
Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn ab 1806 Märchen aus ihrem
Bekanntenkreis und aus literarischen Werken. Sie waren ursprünglich nicht nur
für Kinder gedacht, sondern entstanden vor allem aus volkskundlichem Interesse
und erhielten entsprechende märchenkundliche Kommentare. Wilhelm Grimms
sprachliche Überarbeitungen schufen daraus einen Buchmärchenstil, der bis heute
das Bild von Märchen prägt.
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Als die Erstauflage des ersten Bandes der Kinder- und Hausmärchen am 20.12.1812 in Berlin veröffentlicht wurde, enthielt der Band 86 Märchen. Im Vorwort heißt es: „Wir haben uns bemüht, diese Märchen so rein als (es) möglich war aufzufassen, […] Kein Umstand ist hinzugedichtet oder verschönert und abgeändert worden, denn wir hätten uns gescheut, in sich selbst so reiche Sagen mit ihrer eigenen Analogie oder Reminiscenz zu vergrößern, sie sind unerfindlich.“
In den Anmerkungen zum „Rothkäppchen“ schreiben die Grimms:
„Dieses Märchen haben wir außer unserer mündlichen Sage, was zu wundern ist,
nirgends angetroffen, als bei Perrault (chaperon rouge) wonach Tiecks
Bearbeitung.“
Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Berlin
1812, S. 22.
Und im Anmerkungsband zur zweiten Auflage von 1822 heißt es: „Aus den Maingegenden. Bei Perrault chaperon rouge, wornach Tiecks lebendige Bearbeitung in den romantischen Dichtungen.“ Berlin 1822, Band 3. Zum Rothkäppchen. No. 26., S. XXII.
Kinder- und Haus-Märchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Große Ausgabe, 2., vermehrte und verbesserte Aufl. Berlin: Reimer. Bd. 3. 1822.
Eine genauere Quellenangabe finde wir erst in der 3. Auflage (1856, Göttingen, Band 3: „Aus den Maingegenden. Bei Perrault chaperon rouge, wonach Tieks anmuthige Bearbeitung in den romantischen Dichtungen. In einem schwedischen Volkslied (Folkvisor 3, 68, 69) Jungfrun i Blåskagen (Schwarzwald) eine verwandte Sage. Ein Mädchen soll zum Wachen bei einer Leiche über Feld. Der Weg führt durch einen finstern Wald, da begegnet ihm der graue Wolf, „ach lieber Wolf“, spricht es, „beiß mich nicht, ich geb dir mein seidengenähtes Hemd.“ „Dein seidengenähtes Hemd verlang ich nicht, dein junges Leben und Blut will ich haben“. So bietet sie ihm ihre Silberschuhe, hernach die Goldkrone, aber vergebens. In der Noth klettert das Mädchen auf eine hohe Eiche: der Wolf untergräbt die Wurzel. Die Jungfrau in Todesangst thut einen schneidenden Schrei; ihr Geliebter hörts, sattelt, und reitet schnell wie ein Vogel, wie er zur Stelle kommt (liegt die Eiche umgestürzt, und) ist nur ein blutiger Arm des Mädchens übrig.“
Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Große Ausgabe, 3., vermehrte und verbesserte Aufl. Illustrationen: Ludwig Emil Grimm. Göttingen: Dieterich. Bd. 3. 1856.
Fast zwanzig Jahre nach den beiden ersten Teilen, wurde auch der dritte Band mit den Kommentaren zu den Märchen in einer überarbeiteten Fassung erneut veröffentlicht.
Heinz Rölleke schreibt in seinem Kommentar: „Seit 1812 als Nr. 26 in zwei Versionen, die erste nach mdl. Überlieferung durch Jeannette Hassenpflug (die 1799 aus den Maingegenden nach Kassel übergesiedelt war), die zweite durch ihre Schwester Marie Hassenpflug (1812) in Kassel.“
Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Vollständige Ausgabe auf der Grundlage der dritten Auflage (1857). Herausgegeben von Heinz Rölleke. Frankfurt am Main 1985, S. 1209.
Es werden also vier Quellen genannt: „Perrault chaperon rouge“, „Tieks anmuthige Bearbeitung“ sowie die Schwestern Jannette und Marie Hassenpflug für je eine der beiden Fassungen des Märchens bei den Brüdern Grimm.
Ob das alle Anregungen für die Grimms waren, wird die genauere Untersuchung der genannten Quellen zeigen.